Tirol: Bauernaufstand gegen Kraftwerk

16. September 2004, 21:39
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Tiwag-Pläne für eine Megakraftwerkskette im Ötztal geraten massiv unter Druck

Nach den Touristikern haben nun die Grundeigentümer des von der Tiwag begehrten Sulztales und der Bürgermeister von Längenfeld gegen die Kraftwerkspläne Stellung bezogen. Die Pläne für eine Megakraftwerkskette im Ötztal geraten massiv unter Druck, bevor sie die Tiwag offiziell vorgelegt hat.

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Längenfeld - 94 Prozent haben bei der Vollversammlung der Agrargemeinschaft Sulztal am vergangenen Montag gegen ein Speicherkraftwerk der Tiwag im hinteren Sulztal, einem Nebental des Ötztales bei Längenfeld, gestimmt. Besonders freut sich Wolfgang Ennemoser, der Obmann der 54 bäuerlichen Grundbesitzer, darüber, dass auch Willi Kuen, der Bürgermeister von Längenfeld, der zu den kleinen Anteilseignern im Sulztal zählt, sich gleich zu Beginn der Versammlung mit einem klaren Nein positioniert hatte.

120 Millionen Kubikmeter große Speicherseen im Sulztal

Vorige Woche war Tiwag-Chef Bruno Wallnöfer samt vier Vorstandsmitgliedern zu den Längenfelder Bauern gekommen, um die bisher unter Verschluss gehaltenen Kraftwerkspläne für das Ötztal vorzulegen, die DER STANDARD vor zwei Monaten exklusiv veröffentlicht hatte: zwei jeweils 120 Millionen Kubikmeter große Speicherseen im Sulztal und im Rofental bei Vent, zwei Zwischenspeicher im Ventertal beziehungsweise im Ötztal zwischen Sölden und Huben mit der Jahresleistung von 2300 Gigawattstunden.

Die Tiwag-Pläne haben die Längenfelder Bauern sichtlich schockiert. Derzeit weiden jeden Sommer 160 Rinder und 500 Schafe und Ziegen im Sulztal, erzählt Ennemoser. Durch den riesigen Stausee würden Weideflächen für mindestens 100 Rinder verloren gehen, für die es in der Region keinen Ersatz gibt. "Die Alm im Sulztal wäre mit einem derart geringen Viehbestand nicht mehr existenzfähig", ergänzt Eigentümervertreter Willi Kuen und verweist auf den Zusammenhang zwischen Almen und Bewirtschaftung im Tal: Bei einem reduzierten Viehbestand ist auch am Talboden die Grünlandbewirtschaftung gefährdet. Und es gebe auch keine EU-Förderungen mehr.

Hochspannung

Die Tiwag-Chefs hätten auch freimütig erzählt, dass am Talboden des Ötztales zwei Hochspannungsleitungen gebaut würden. Ein unterirdischer Stromtransport sei technisch nicht möglich, ein optisch verträglicher Leitungsbau am rechten oder linken Rand des Tales scheide aus Sicherheitsgründen aus.

Über Geld sei mit Wallnöfer nicht gesprochen worden, betont Ennemoser und weist empört die Frage zurück, ob es einen Betrag gebe, um den sich die Agrargemeinschaft ihre Rechte abkaufen lassen würde. Im Gegenteil. Sollten Tiwag und Land an die Option einer Enteignung denken, sei mit massivem Widerstand zu rechnen, es gelte die Losung "Mander s'isch Zeit".

Unterstützung erhalten die Längenfelder Bauern vom Obmann der Bezirkslandwirtschaftskammer Imst. Der heißt Benedikt Wallnöfer, ist ein Sohn des legendären Eduard W. und der Schwager von Landeshauptmann Herwig van Staa. Mit Bruno Wallnöfer, dem er "arrogantes Vorgehen" vorwirft, ist er nicht verwandt. Ein Kraftwerk im Sulztal hält er für "unmöglich" und erwartet von den bäuerlichen Vertretern in Landesregierung und Landtag, dass sie die Zerstörung des Sulztales verhindern. Angesichts der jüngsten Entwicklung will sein Schwager Herwig van Staa "über niemanden drüberfahren" und sieht sich in der Rolle eines Vermittlers. (hs, DER STANDARD Printausgabe 16.9.2004)

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