Pulverfass Vojvodina

15. September 2004, 19:17
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Vor den Wahlen in Serbien wächst die Angst, dass die extrem nationalistische Serbische Radikale Partei SRS noch mehr zulegen könnte - Kolumne von Paul Lendvai

Machen die ungarischen Politiker in Budapest bzw. die Sprecher der ungarischen Minderheit in der serbischen Provinz Vojvodina aus einer Mücke einen Elefanten? Übertreiben die Ungarn maßlos, wenn von Ausschreitungen betrunkener serbischer Jugendlicher oder von Graffitis die Rede ist, auf denen die Ungarn verflucht werden, weil sie die EU alarmieren und die Entsendung von internationalen Beobachtern fordern? Am Vorabend der für das Wochenende angesetzten Provinz- und Kommunalwahlen wächst die Angst, dass die extrem nationalistische Serbische Radikale Partei SRS (die bei den letzten Wahlen in der Provinz 36 Prozent der Stimmen erhielt) noch mehr zulegen könnte.

Das serbische Innenministerium registrierte seit Anfang dieses Jahres 67 ethnisch motivierte Vorfälle - dagegen das serbische Komitee für Menschenrechte bereits 294 Gewalttaten. Die serbischen Medien hatten allerdings laut ungarischen Presseberichten die Vorfälle entweder total verschwiegen oder als unwichtige Einzelfälle hingestellt. Unabhängige Beobachter stellten eine auffallende Häufung von überwiegend ungarnfeindlichen Friedhofsschändungen und Schmierereien an Kirchen und Geschäften fest. Außenminister László Kovács wie auch ungarische EU-Abgeordnete hatten bei den diversen EU- und Nato-Gremien die rapide Verschlechterung der Lage der ungarischen Minderheit öffentlich thematisiert.

Inmitten dieser wachsenden Spannungen absolvierte am Dienstag der ungarische Staatspräsident Ferenc Mádl einen viel beachteten, politisch heiklen Besuch in Belgrad. Seine Gastgeber haben ihm eine schnelle Untersuchung der ungarnfeindlichen Ausschreitungen versprochen.

Es handelt sich um eine tragische und zugleich symbolträchtige Entwicklung in dieser reichsten Region Serbiens. Mit über 20 verschiedenen Volksgruppen war die Vojvodina jahrzehntelang so etwas wie ein Schaufenster der nationalen Gleichberechtigung im alten Jugoslawien. Ungarn, Kroaten, Slowaken, Rumänen, Bosniaken, Türken usw. lebten hier friedlich mit der serbischen Mehrheit (seinerzeit rund 55 Prozent, jetzt bereits etwa 65 Prozent der zwei Millionen Einwohner) zusammen. Milosevic' Griff nach der totalen Macht wurde mit der Aufhebung der Autonomie des Kosovo und der Vojvodina 1989 eingeleitet. Es folgte nach 1992 die Ansiedlung vieler verarmter und erbitterter serbischer Flüchtlinge aus Bosnien und Kroatien, die jetzt die Hauptbasis der radikalen Parteien und der ungarnfeindlichen Schlägergruppen bilden.

Die Zahl der Ungarn in Serbien ging zwischen den zwei Volkszählungen 1991 und 2002 von 343.376 auf 293.299 zurück. Seitdem durfte ihre Zahl vor allem durch die Flucht bzw. Auswanderung nach Ungarn auf unter 250.000 gefallen sein.

Infolge des Wiederauflebens des aggressiven großserbischen Nationalismus, der freilich auch die ungarischen Extremisten auf den Plan ruft, sitzen in dieser historisch belasteten Provinz die Menschen im Grunde auf einem Pulverfass. Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als ein Angehöriger der magyarischen Minderheit (Tibor Varady) 1992/93 dem Kabinett des jugoslawischen Ministerpräsidenten Milan Panic angehört oder als ein ethnischer Ungar den Posten des Präsidenten der Provinz bekleidet hat?

Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei. Aber ein intolerantes Serbien schadet vor allem den eminenten Interessen des viel geprüften serbischen Volkes. Gut also, dass es die Warnungen der EU und des Europarats gibt. Ohne Mahnung und ohne Druck von außen würde nämlich Serbien im Kielwasser des nationalistischen Provinzialismus verharren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 16.09.2004)

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