Kommunismus aus der Plüschecke

17. September 2004, 21:51
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Trägt der Haifisch wirklich Zähne im Gesicht? "Mackie Messer" Herbert Föttinger über die "Dreigroschenoper" im Josefstadt-Theater

STANDARD: Eigentlich ist die Musik der "Dreigroschenoper" gar nicht so eingängig wie ihr Ruf: Sie enthält genug dissonante Wendungen, um einem die Kulinarik zu vergällen.

Föttinger: Eigentlich nicht, das ist wahr. Eine geliebte Musik - komischerweise. Es gibt darin Harmonien, die tun sogar ein bisschen weh. Aber das Publikum ist ganz vernarrt in sie. Ich habe zwei Jahre in Bad Hersfeld Dreigroschenoper gespielt. Da gerieten die Zuschauer jedes Mal völlig aus dem Häuschen.

Der große Gewinn bei dem Stück von Bertolt Brecht war wohl sein Komponist Kurt Weill, der die Texte kongenial im Sinne der Zeit vertonte. Nach dieser großen Weltwirtschaftskrise konnte das Elend mit einer großen, verführerischen Leichtigkeit vorgeführt werden.

STANDARD: Apropos Elend: Wir erleben den Rückbau der Sozialsysteme, die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten nimmt einigermaßen ab. Wie erzeugt man das aktuelle Klima der Verlustangst und bleibt doch bei Brecht im Jahr 1928?

Föttinger: Sehr schwer, wenn man an 2004 denkt.

Auch heute gibt es wieder hohe Arbeitslosenraten und beginnende Armut. Aber verglichen mit damals?
STANDARD: Natürlich, nichts wiederholt sich: Verluste werden heutigentags auf "höherem" Niveau erlitten.

Föttinger: Ja, das Zweitauto wird zum Problem. Oder die Handyrechnung oder was auch immer.

STANDARD: Aber lehrt nicht der Blick nach Deutschland ein geschärftes sozialpsychologisches Krisenbewusstsein?
Föttinger: Das Stück kommt nicht aus einer sozialdemokratischen, sondern eher aus einer kommunistischen Ecke. Sie finden darin Agitprop-Elemente, und es wird an die "Herren da oben" appelliert - wer immer sich hinter diesem Ausdruck verbergen mag.

STANDARD: Wer ist der eigentliche Adressat von Brechts Agitationsbemühungen?

Föttinger: Kann der "Herr da oben" die Verhältnisse verändern? Müssen nicht wir sie verändern? Darin liegt doch die Schwierigkeit: Wir schauen hinauf und rufen: "Gebt uns etwas zu fressen, dann habt ihr auch eine andere Moral!" Wenn es so ist, kommt wirklich zuerst das Fressen, dann die Moral. Aber jetzt müsste man immer hinaufschauen und rufen: "Bestimmt besser über uns, dann werden auch wir uns bessern!"

Die Mächtigen in diesem Stück, in dieser Hinterhofgeschichte, sind der Polizeipräsident von London, Tiger Brown, ein mächtiger Mann, und Peachum, der ein Bettlerimperium geschaffen hat wie ein Wirtschaftsmagnat. Und da dazwischen wuselt eine Ratte herum wie Mackie Messer. Natürlich hat er Menschenleben auf dem Gewissen, er stiehlt ein paar Uhren - aber verglichen mit den ganz Großen? Etwa mit einem Al Capone?

STANDARD: Aber erst aus der ostentativ zur Schau gestellten Schäbigkeit erwächst doch die Sympathie der Zuschauer, oder?

Föttinger: Das ist schön nachvollziehbar, ja. Auch wenn wir in einer Welt ohne Wertegleichgewicht leben, wo es nur noch den Kapitalismus als solchen gibt, darf die Forderung nach einer gewissen Form des Sozialismus nicht untergehen. Die Botschaft darf nicht ungehört verhallen. Ob nun ausgerechnet das Wiener Josefstadt-Theater der Ort ist, an dem der Sozialismus überwintert - das weiß ich nicht.

Natürlich wird bei uns das Revuehafte von unseren Regisseuren Hans Gratzer und Hanspeter Horner in den 20er-Jahren belassen. Aber der Wunsch nach Gerechtigkeit darf doch auch an einem Ort wie dem Wiener Josefstadt-Theater artikuliert werden, nicht wahr?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.9.2004)

Herbert Föttinger sprach mit Ronald Pohl vor der "Dreigroschenoper"-Premiere im Josefstadt-Theater (16.9., 19.30 Uhr)
  • Herbert Föttinger (43) absolvierte eine idealtypische Schauspielkarriere als jugendlicher Held, die ihn über Detmold, Hildesheim, die Salzburger Festspiele und Graz nach Wien, ab 1993 an das Wiener Josefstadt-Theater führte. Dort debütierte er als Alfred in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald". Föttinger, verheiratet mit Josefstadt-Kollegin Sandra Cervik, wurde im Gefolge von Hans Gratzers unglücklichem Josefstadt-Intermezzo als Zukunftshoffnung für die angeschlagene Renommierbühne genannt. Im Interview blockiert er jede Stellungnahme: "Ich bitte darum, dazu nichts sagen zu müssen. Aber natürlich glaube ich: Warum soll man die Josefstadt-Bühne mit Rücksicht auf ihre Tradition nicht erneuern können?"
    foto: josefstadt

    Herbert Föttinger (43) absolvierte eine idealtypische Schauspielkarriere als jugendlicher Held, die ihn über Detmold, Hildesheim, die Salzburger Festspiele und Graz nach Wien, ab 1993 an das Wiener Josefstadt-Theater führte. Dort debütierte er als Alfred in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald".

    Föttinger, verheiratet mit Josefstadt-Kollegin Sandra Cervik, wurde im Gefolge von Hans Gratzers unglücklichem Josefstadt-Intermezzo als Zukunftshoffnung für die angeschlagene Renommierbühne genannt. Im Interview blockiert er jede Stellungnahme: "Ich bitte darum, dazu nichts sagen zu müssen. Aber natürlich glaube ich: Warum soll man die Josefstadt-Bühne mit Rücksicht auf ihre Tradition nicht erneuern können?"

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