Wahre Arbeit, wahrer Lohn

20. September 2004, 20:23
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Pop-Poet Nick Cave zeigt sich auf seinem neuen Doppelalbum in der Form seines Lebens

Auf "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus" befindet sich der alte australische Poptragöde Nick Cave in der Form seines Lebens. Zwischen heftigem, von einem Gospelchor unterstütztem Soulpunk und lyrischen Balladen wird hier aus dem Vollen geschöpft.


Wien - Der Zusammenhang von Schweiß und Gefühl wird ja gewöhnlich in der Popmusik unterschätzt. Immerhin verdankt das Genre seine wunderbarsten Ergebnisse neben der nötigen Inspiration auch immer der Transpiration. Der australische Poptragöde Nick Cave, der kommenden Mittwoch 47 Jahre alt wird, setzt seit seinem gewonnenen Kampf gegen schwere Drogensucht vor gut zehn Jahren auf feste Arbeitszeiten und ein striktes Regime.

Spätestens seit seinem letzten wirklich gelungenen Album, der ruhigen Balladensammlung The Boatman's Call aus 1997, vertraut das einstige Brülltier der australischen Bluespunk-Amokläufer The Birthday Party aus den frühen 80er-Jahren im Zweifelsfall statt auf den unabwägbaren und nur unzureichend abrufbaren Musenkuss beim Komponieren lieber auf Disziplin statt auf Eingebungen.

Von London, seiner Wahlheimat der letzten Jahre, ist Cave mittlerweile mit Frau und noch im Vorschulalter befindlichen Zwillingskindern ins südenglische Seebad Brighton umgezogen. Er hat dort nach der eher unentschlossenen, im Zeichen eines Diensts nach Vorschrift stehenden CD Nocturama aus dem Vorjahr auch zu einem Arbeitstempo gefunden, das vor allem auf Kontinuität baut.

Nick Cave geht wochentags zwischen zehn Uhr früh und sechs Uhr abends, unterbrochen von einer einstündigen Mittagspause, in sein Büro, um dort am Klavier zu komponieren. "Mir ist nichts eingefallen" gilt nicht. Cave ringt den Musen längst gewaltsam seine Songs ab.

Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass am kommenden Montag gleich eine Doppel-CD mit einem wilden und einem ruhigeren Album erscheint. Nick Cave und seine Begleitband The Bad Seeds laufen auf Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus zu einer Form auf, die man dem zuletzt auch immer erheblich gegen sein altes Image als schwarzhumoriger Fürst der Dunkelheit ankämpfenden und manchmal gar zu sehr in selbstgeformten Klischees erstarrten Songwriter eigentlich nicht mehr zugetraut hätte.

Trotz des aus Langeweile bei der Arbeit erfolgten Abgangs von Caves jahrzehntelangem Freund und Kollegen Blixa Bargeld als zunehmend unterbeschäftigtem Lärmgitarrist und Harmoniesänger der Bad Seeds im Vorjahr, gekoppelt mit einer parallel dazu wachsenden Ablehnung Bargelds von Caves verwaschenen christlichen Bildwelten in den Texten, überfällt einen der wuchtige, brutale "Schlachthaus-Blues" der ersten CD derart heftig, dass man sich beinahe an Caves zweites Soloalbum, den heutigen Klassiker The Firstborn Is Dead aus 1985 erinnert fühlt. Dieses muss bis heute mit Abstand als sein beseeltestes und auf-wie anrührendstes Album angesehen werden.

Cave mag über die Zeiten zwar nicht nur vom Songwriting her glatter und konventioneller geworden sein. Dieses ist noch immer Übervater Leonard Cohen ebenso verpflichtet wie der alten, übermächtige und mythenverklärte Geister beschwörenden Musik des US-amerikanischen Südens, also Blues und Country unter besonderer Berücksichtigung der literarischen Werke von William Faulkner, Cormac McCarthy, Erskine Caldwell und Flannery O'Connor - und selbstverständlich wie ehedem dem Alten Testa- ment. Wie heißt es im Song Messiah Ward programmatisch: "They're bringing out the dead now, and it's been a long, strange day."

Blues mit Eiskaffee

Mit einer nach wie vor der elegant verwahrlosten Lumpenboheme verschriebenen Deutung manischer Vortragskunst von alten Seelenverkäufern des Blues wirft sich Cave hier trotz aller handwerklichen Routine mit hämmerndem Klavier und dank dem neuen-alten musikalischen Direktor Mick Harvey gitarrenlastig wie nie zuvor vor allem in den forscheren Songs wie Hiding All Away, dem für seine Verhältnisse beinahe als Popsong durchgehenden Nature Boy oder auch dem Calypso-Song Breathless und dem Spaghetti-Western Supernaturally in den Kampf gegen alte Dämonen. "I went to bed last night and my moral codes got jammed, I woke up this morning with a Frappuccino in my hand." Das muss einem auch erst einmal einfallen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.9.2004)

Von
Christian Schachinger

  • Nick Cave veröffentlicht kommenden Montag sein neues Doppelalbum "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus". Am 2. Dezember gastiert er live im Wiener Gasometer.
    foto: mute/emi

    Nick Cave veröffentlicht kommenden Montag sein neues Doppelalbum "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus". Am 2. Dezember gastiert er live im Wiener Gasometer.

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