Legenden erobern den Markt

20. September 2004, 20:19
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Hohe Preise für Bauhaus-Objekte auf dem internationalen Kunstmarkt

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts avancierte Deutschland zur Wiege moderner Produktgestaltung. Der internationale Kunstmarkt quittiert dies heute mit entsprechenden Preisen für Bauhaus-Objekte.


Wien - Ausstellungen, wie etwa die aktuell aus Berlin ins Hofmobiliendepot importierte, haben aus markttechnischer Sicht einen erheblichen Anteil an der Entwicklung eines konstanten Preisgefüges und damit an der Entfaltung eines Mythos. "Staatliches Bauhaus" nannte Walter Gropius 1919 das neue deutsche Kunstinstitut.

Das unter der Leitung von Gropius (1919-28) bis Mies van der Rohe (1930-33) angestrebte Ideal war die Verbindung einer geistig-künstlerischen und einer praktisch-handwerklichen Ausbildung mit dem Ziel eines gemeinsamen Dienstes an einem visionären, bildende Kunst und Architektur vereinenden Gesamtkunstwerk mit dem "Großen Bau" als Zentrum.

In der Praxis sollte ein neuer Typ von Mitarbeiter für Industrie und Handwerk herangebildet werden, der Technik und Form in der Art einer Werkeinheit beherrschte. Das Bauhaus wollte, bis zu seiner Auflösung unter der NS-Kulturbürokratie 1933, einer zeitgemäßen Entwicklung der Be-hausung dienen.

Als legendär gelten vor allem die Bauhaus-Möbelentwürfe, für die es auch entsprechende Nachfrage auf dem internationalen Kunstmarkt gibt. Dahinter stehen aber selten Sammler aus dem deutschsprachigen Raum als solche aus dem angelsächsischen, "die dieser klassischen Formensprache der europäischen Moderne erlegen sind", weiß Designexpertin Gerti Draxler (Dorotheum) aus Erfahrung.

An der Spitze der vor allem von amerikanischen Sammlern dominierten Preisskala liegen Entwürfe Mies van der Rohes und Marcel Breuers. Aufgrund langer Produktionszeiten und vieler Reeditionen ist die Bewertung ihrer Klassiker recht unterschiedlich. Mies' legendärer MR 90 - in der Ausstellung ist nur das Folgemodell aus dem Haus Tugendhat zu sehen -, besser bekannt unter der Bezeichnung Barcelona, ist als Ausführung vor 1929 nicht unter 140.000 Euro erhältlich.

Bereits 1997, anlässlich der ersten reinen Chair-Auktion von Christie's, war der Preis des für den deutschen Pavillon anlässlich der Weltausstellung in Barcelona entworfenen Loungechair auf 195.000 Euro gestiegen. Am 9. November gelangt im Dorotheum ein Paar solcher Barcelona (8.000-10.000 €) zur Auktion, und zwar geschraubte und nicht gelötete Versionen, wie sie gegenwärtig noch produziert werden.

Als besonderes Liebkind der Sammlerszene gilt Marcel Breuer - auch für Einsteiger. Das Dorotheum offeriert in genannter Designauktion den Bürodrehstuhl B7 von 1926 (7500-8500 €). Seltener ist das 1932/33 entworfene Regal (Mod. 176), aus vernickeltem Stahlrohr mit verstellbaren, Holzböden (18.000-25.000 €, Dorotheum 9. November) oder Hocker aus der Bauhaus-Kantine, von denen einer bei Christie's 1997 für umgerechnet 10.300 Euro den Besitzer wechselte. Als berühmtester Breuer gilt der Clubsessel B3, seit der Reedition durch die italienische Firma Dino Gavino Wassily genannt. Für Ausführungen um 1927 sind zwischen 25.000 und 40.000 Euro veranschlagt, werden aber auch Beträge jenseits der 80.000 Euro bezahlt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.9.2004)

Von
Olga Kronsteiner

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dorotheum.at

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