Kopf des Tages: Hans Magnus Enzensberger

15. September 2004, 18:51
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Leseverführer zu einem weiten Horizont

Ein Phänomen: Anlässlich des 235. Geburtstags des deutschen Naturwissenschafters, Weltreisenden und Autors Alexander von Humboldt füllen plötzlich selbst populistischere Medien ihre Seiten und Programme mit ausführlichen Auslassungen über den Segen eines weiten Horizonts; Starmoderator Günter Jauch ruft werbetauglich: "Europas erster Kosmonaut!"; und was das Erstaunlichste ist: 1,5 Millionen investiert ein mittelgroßer Verlag wie Eichborn in eine opulente Humboldt-Edition.

Gekrönt wird mit dieser historischen Großaktion nicht zuletzt das Lebenswerk von Hans Magnus Enzensberger: Zum 20. Geburtstag der von ihm einst mit dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno gegründeten und schließlich zu Eichborn übergewanderten Anderen Bibliothek betont er mit der Humboldt-Luxusausgabe noch einmal den Wahlspruch: "Wir veröffentlichen nur das, was wir selber lesen wollen."

Da dies auf den ersten Blick zum Teil fast puristische "Ware" ist (das Unternehmen startete mit Lukian von Samosatas Lügengeschichten), konnte den Erfolg der Anderen Bibliothek nicht mindern. Christoph Ransmayrs Bestseller Die letzte Welt zählt ebenso zu ihren Erfolgstiteln wie das Lyriklehrbuch Das Wasserzeichen der Poesie (von Enzensberger unter dem Pseudonym "Andreas Thalmayr" kompiliert) oder eine Neuedition von Montaignes Essais.

Es bedürfte nicht erst eines Verweises auf die Gründung von Periodika wie dem Kursbuch (1965) und Transatlantik (1980), um kenntlich zu machen, dass Hans Magnus Enzensberger sein Werk von jeher weiter gespannt sah als in beständigem Wechsel zwischen literarischen Genres.

Von Lyrik über dramatische Texte und Übersetzungen bis hin zu Essays, gesellschaftspolitischen Interventionen und Kinderbüchern demonstrierte der Autor, der heuer am 11. November seinen 75. Geburtstag feiert, eine atemberaubende Omnipräsenz. Und mit einer Vorliebe für Archive und Netzwerke (frei nach Walter Benjamin und gegenwärtig etwa unterstützt von Alexander Kluge) sowie in den Fußspuren der französischen Aufklärer und Enzyklopädisten (Denis Diderot!) ließ er sich auch ideologisch kaum jemals auf (eingefahrene) Positionen festlegen.

"Wortführer linker Intelligenz"? "Kritiker linker Gemütlichkeit"? Mit Enzensberger darf man harte Debatten ebenso assoziieren wie geistreichen Witz (zuletzt die Jugendfibel Lyrik nervt) und das edel gestaltete Buch zur guten Flasche Rotwein. Enzensberger, der Genussmensch, im Allgäu in kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren, lebt heute mit seiner mittlerweile dritten Frau in München - und wenn er "Jetzt Humboldt!" ruft, dann bewegt das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus nicht nur fanatische Leser. Ein Phänomen . . . (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 9. 2004)

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