Missstände im Handel haben System

15. September 2004, 20:07
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GPA kritisiert nicht bezahlte Überstunden - Außerdem würden Angestellte falsch eingestuft, was zu massiven Einkommensverlusten führt - mit Infografik

Wien - Die aktuellen Vorfälle beim Handelskonzern Rewe (Billa,Merkur, Bipa Mondo/Penny) hat die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) zum Anlass genommen, die schlechten Arbeitsbedingungen im heimischen Handel aufzuzeigen. Neben nicht bezahlten Überstunden werden viele Handelsangestellte falsch eingestuft, was zu massiven Einkommensverlusten bei Kollektivvertragserhöhungen, Überstunden oder Urlaubs- und Weihnachtsgeld führt. Die Missstände im Handel haben System, so GPA-Handelssekretär Manfred Wolf am Mittwoch bei einer Pressekonferenz, da in den Unternehmen oft strenge Kostenvorgaben bestehen, die eingehalten werden müssen.

Nicht bezahlt werden laut Wolf in den meisten Handelsunternehmen die Vor- und Abschlussarbeiten von täglich rund einer Stunde. Für den einzelnen Arbeitnehmer am Beispiel eines 30.000 Mann-Unternehmens bedeute dies pro Jahr einen Einkommensverlust von fast 1.000 Euro, was in etwa einen einem Monatsgehalt brutto entspricht. Der Handelskonzern hingegen erspart sich dadurch - auf ein Jahr berechnet - laut GPA fast 30 Mio. Euro. Dazu kommen entgangene Sozialversicherungs- und Krankenkassenbeiträge. Insgesamt, so rechnet Wolf vor, würden sich die heimischen Handelsunternehmen vor allem auch durch fehlende Abgaben pro Jahr bis zu einer Milliarde Euro ersparen.

Die Missstände seien der GPA seit Jahren bekannt. Zu den schwarzen Schafen zählten neben den bekannten Billa, bauMax, Lutz und Kika vor allem Unternehmen aus dem Lebenmittelbereich, dem Möbelhandel und den Baumärkten.

Rechtsbruch dürfe sich nicht bezahlt machen, so GPA-Bereichsleiter Karl Proyer. Wenn Arbeitgeber nicht bereit seien, sich an rechtliche Bestimmungen zu halten, so sollte es neben dem Ersatz der entgangenen Ansprüche auch einen zusätzlichen Schadensersatz geben.

Bei den bevorstehenden Kollektivvertragsverhandlungen für 420.000 Handelsangestellte will die Gewerkschaft vor allem eine deutliche Anhebung der unteren Einkommensgruppen durchsetzen. Die genaue Forderungshöhe werde man Ende September festsetzen, der Abschluss müsse auf jeden Fall über der Inflationsrate liegen, sagte die Betriebsratsvorsitzende von Kastner & Öhler am Rande der Pressekonferenz.

Der Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Erich Lemler, wies die Vorwürfe gegen den Handel vehement zurück: Die mehr als 53.000 Handelsunternehmen sichern die Beschäftigung in schwierigen Zeiten. Die Gewerkschaft wisse, dass in den meisten Unternehmen ein korrekter Umgang zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern herrsche. Vor allem im Einzelhandel gebe es einen extremen Wettbewerbsdruck, unter dem nicht nur die Arbeitnehmer, sondern vor allem auch die Unternehmer von klein- und mittelständischen Betrieben leiden, die Konsumenten aber profitieren. (APA)

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    Vereinbarte und laut Umfrage tatsächlich geleistete Wochenstunden im Einzelhandel.

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