Wegsperren ist billiger

15. Dezember 2004, 18:26
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Krasser Personalmangel und die massiven Einsparungen der letzten Jahren bewirken im Jugendstrafvollzug eklatante Missstände

Seit der heftig umstrittenen Abschaffung des Jugendgerichtshofs im Jahr 2002 verlangen ExpertInnen geschlossen dessen Wiedereinführung. Doch in Jugendstrafsachen fehlt nicht nur ein eigener Gerichtshof, auch jugendgerechte Betreuung, geschultes Personal und Wiedereingliederungs - Programme sind mittlerweile Mangelware. Endstation Jugendhaft?

Keine zweite Chance

Seit Jahren lässt der eklatante Personalmangel eine besondere Betreuung junger Häftlinge kaum noch zu. Eine hohe Rückfallquote und eine zunehmende Zahl von psychisch auffälligen Häftlingen sind die Auswirkungen. Allein in der Justizanstalt Josefstadt fehlen derzeit 12 Beamte. Und das einzige österreichische Jugendgefängnis Gerasdorf würde zumindest 40 zusätzliche Posten benötigen, um den guten Standard von 1995 wieder herstellen zu können. Vor allem sozial geschultes Personal wie PsychologInnen oder SozialarbeiterInnen wären notwendig, um jungen Häftlingen in gezielten Programmen eine Lebensperspektive abseits der Kriminalität zu eröffnen.

Mehr Häftlinge - Weniger Betreuung

"In der Justizanstalt Josefstadt ist kein einziger Sozialpädagoge beschäftigt - wie es dem internationalen Standard entsprechen würde", kritisiert Jugendrichterin Beate Matschnig. Außerdem seien viel zu wenige Personen für viel zu viele Häftlinge zuständig. Die Haftbedingungen seien mittlerweile unzumutbar. Selbst die UNO-Anti-Folterkommision kritisierte die Einschlusszeiten jugendlicher Häftlinge in Zeiten des Sparstiftes. Waren vor einigen Jahren abendliche Gruppenarbeiten an der Tagesordnung, so werden die Jugendlichen heute bereits zwischen 15 und 16 Uhr nachmittags in die Zellen gesperrt, in denen sie bis sechs Uhr morgens zu sechst "verwahrt" werden.

Auch Workshops, sportliche Betätigung und Lehrwerkstätten fielen mittlerweile dem Sparkurs des Justizministeriums zum Opfer. Was früher noch als Vorzeigemodell des Betreuungsvollzugs gehandelt wurde, hat sich zum reinen Verwahrungsvollzug gewandelt. Auch Betreuungsmöglichkeiten nach der Haft, die für die Reintegration besonders wichtig wären, bestehen derzeit laut Jugendrichterin Matschnig so gut wie keine: "Erfolgreiche Modelle, an denen man sich orientieren könnte, gäbe es in Europa allerdings genug".

Auf halbem Weg aus dem Sumpf

So verweist sie auf die Tradition der "Halfway-Houses", die im Westen Europas üblicher Standard sind. In diesen Wohngemeinschaften werden die Jugendlichen nach der Haft betreut und von Sozialarbeitern beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt unterstützt. Die Rückfälligkeitsquote solcherart reintegrierter Jugendlicher ist weitaus geringer. Erfolgreiche Maßnahmen, die natürlich auch kostenintensiv sind.
Weitaus kostengünstiger wäre laut Matschnig die so genannte "bedingte Entlassung", für die sich die Jugendrichterin einsetzt. Bei der bedingten Entlassung werden die Jugendlichen einige Monate vor Ablauf ihrer Strafe freigesetzt, der Zugriff der Behörden bleibt gewährleistet. Drogenentzug, Bildungsmaßnahmen etc. könnten angeordnet und auch überprüft werden. Ein mittlerweile viel diskutierter Ansatz, den Vizekanzler Gorbach jedoch "im Keim ersticken" möchte. Zu groß sei das Sicherheitsrisiko vorzeitiger Entlassungen. (mhe)

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