Stahläugige Göttin mit Antriebskraft

21. September 2004, 12:23
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Das Kunstforum Bank Austria zeigt mit der Retrospektive auf Tamara de Lempicka eine längst fällige Zusammenschau

... des Werks der so bekannten Femme fatale der 20er- und 30er-Jahre - über die kaum jemand mehr wusste, als dass sie Bugatti fuhr.


Wien - "Ich war die erste Frau, die klar und sauber malte - und darauf gründet sich mein Erfolg. Unter hundert verschiedenen Bildern wird man meines immer sofort erkennen. Und die Galerien fingen an, mich in den besten Räumen auszustellen, immer im Zentrum, denn meine Malerei wirkte anziehend. Sie war klar, sie war vollendet."

Das mit dem Wiedererkennungswert stimmt allemal. Auch heute noch. Und die Londoner Royal Academy of Arts zählt, wie auch das Wiener Kunstforum, heute zu den zweifelsohne besseren Räumen, um Bilder auszustellen. Wobei das Kunstforum ob seiner Architektur noch geeigneter scheint, Tamara Lempickas hoch interessanten und allemal sympathischen Schwulst auszustellen.

Durch die Kooperation der beiden Häuser ist es erstmals seit den frühen 70er-Jahren gelungen, eine Werkschau jener Femme fatale zusammenzustellen, die jahrzehntelang namenlos mit Bugatti und Pagenkopf für Umsätze in den Posterläden sorgte. Das Selbstporträt von 1929, das die kühle Tamara am Volant eines offenen Sportwagens zeigt, prägte wie kaum ein anderes das kollektive Bewusstsein von der Optik der 20er- und 30er-Jahre. Und sämtliche Vorurteile erfolgreiche Frauen betreffend: eiskalt und hundsgemein, ebenso zu Hause bei Adel wie im Jet Set.

In der Tat war Tamara de Lempicka stolz darauf, "bereits mit 28 ihre erste Million gemacht zu haben", wodurch sie ein mondänes Leben führen und vor allem effizient dafür sorgen konnte, dass auch jeder davon erfuhr. Etwa davon, dass die Lempicka die Avancen von "Grandmaster Schwulst" Gabriele d'Annunzio nicht erwidert hat, dass ihre Affären beide Geschlechter betrafen und dass es einfach dazugehörte, von ihr porträtiert zu werden.

Ihr Weg nach Paris komplettierte den Glamourfaktor: 1898 ins Warschauer Großbürgertum geboren, heiratet sie 1916 den Petersburger Grafen und Anwalt Tadeusz Lempicki. Das Unverständnis der russischen Revolutionäre für Glamour zwingt beide zur Emigration nach Paris. Allein der Graf wollte dort nicht recht Fuß fassen. Und also beschloss Tamara, ihre alte Liebe zur Malerei aufzunehmen, studierte, selbstredend privat, bei Maurice Denis und André Lhote, und schaffte es auch prompt in die Salons des Indépendents und d'Autonome. Woraus eine von Mallet-Stevens auf der Höhe der Zeit ausgestattete Wohnung folgte, und ein, ob der gekonnt semiöffentlich geführten Affären, immer traurigerer Graf.

Tamara umwirbt die Sammler, porträtiert die Großen Hollywoods und heiratet schließlich Baron Raul Kuffner, einen Sammler aus dem Altösterreichischen, mit dem sie sich stilsicher in Beverly Hills ansiedelt. Und malt, bis irgendwann in den Vierzigern ihre polierte Mischung aus Klassizismus, neuer Sachlichkeit, Femdom und Fetisch, die dem aufkeimenden abstrakten Expressionismus zum Opfer fällt. Tamara de Lempica zieht sich zurück. Und beginnt erst Anfang der 60er wieder damit, Bilder anzulegen: ganz andere Bilder. Pastos und vergleichsweise rau, zeigt sie Pflanzen und Menschen aus dem Jenseits der Salons. Erfolglos.

Erst die Pariser Retrospektive 1972 in der Galerie du Luxemburg bringt Tamara de Lempicka kurz zurück ins Rampenlicht. Die, laut New York Times, "stahläugige Göttin des Automobilzeitalters" stirbt 1980 in ihrem Haus Tres Bambùs in Cuernavaca. Ihre Asche wird wunschgemäß über dem Popocatepetl verstreut.

"Ich lebe am Rande der Gesellschaft, und die Regeln der Durchschnittsgesellschaft gelten nun einmal nicht für Außenseiter", soll sie gern gesagt haben. Bis heute lebt sie irgendwo am Rand der Kunstgeschichte. Lempickas Arbeiten sind Bilder zum Mögen oder Nicht-Mögen.

Unter denen, die sie mögen, gilt der Modeschöpfer Wolfgang Joop (ein Leihgeber der Wiener Schau) als früher Sammler. Ihm gleich getan haben es Celebrities wie Madonna, Jack Nicholson oder Donna Karan.

Ob das Wiener Kunstforum mit der Schau eine Neubewertung des Oeuvres einleitet, bleibt abzuwarten. Jedenfalls aber hat es mit dieser Ausstellung einen großen Schritt hin zu einem eigenständigen Profil getan. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.9.2004)

Von
Markus Mittringer

Ausstellung

"Tamara de Lempicka. Femme Fatale des Art Deco", 16. 9. bis 2. 1. im BA-CA Kunstforum, 1. Freyung 8, geöffnet tägl. 10 bis 19 und Fr bis 21 Uhr

Link

kunstforum-wien.at

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    Tamara De Lempicka: "Die rosa Tunika", Öl auf Leinwand (1927, Aussschnitt)

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