Geburtstag, Jubiläum und schönes Ritual

19. September 2004, 18:09
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Michael Häupl feiert dieser Tage doppelt

Wien - Darüber, ob das sein Ernst war, ließ Sepp Rieder sein Publikum im Unklaren. Aber gestört hätte eine Gesangseinlage Wiens Vizebürgermeister Dienstagvormittag nicht: Beim Vorspiel zur Pressekonferenz des Bürgermeisters hatte Rieder angeregt, Michael Häupl ein Ständchen zu bringen. Schließlich hatte Häupl Geburtstag. Den 55.

Dass niemand sang, störte nicht: Zum einen sind die großen Feierlichkeiten längst geplant. Auf ein Journalisten-"Happy Birthday" kommt es da nicht an. Zum anderen ist das Dienstag für Dienstag im Steinsaal des Rathauses abgespulte Ritual per se eine Inszenierung, mit dem Zweck, das Stadtoberhaupt zu feiern. Seien es - einst - Leopold Gratz und Helmut Zilk oder - seit nunmehr zehn Jahren - Michael Häupl.

Heimspiel

Die Dramaturgie ist fix: Mag die Welt beben und wanken - am Dienstag wartet ein warmes Buffet. Nur Nichtkenner der heimischen Presselandschaft würden unterstellen, dass gutes Essen friedfertig stimmt: Der Termin ist von jeher ein Heimspiel.

Das Warm-up macht der Tross der Pressesprecher. Knapp vor halb zwölf kommen dann Stadträte, sagen "Guten Tag" (nur Renate Brauner liebt "Hallöchen") und sind gerne per Du. Danach: Michael Häupl. Wie der es schafft, jedem (Duz-Quote: 50 Prozent) jovial einen anderen Gruß zu widmen, will ein ORF-Mann seit Jahren ergründen.

Themenreferat

Sind die Teller geleert, geht es zur Sache. Leitmotiv: Wien ist super, wird immer besser - und sollte etwas doch nicht vollends super sein, ist der Bund daran schuld. Dafür legt - in der Regel in der Fragerunde - der Bürgermeister persönlich die Hand ins Feuer.

Aber der Hauptact ist ohnehin selten das Themenreferat, sondern jener Part, den Häupls Pressesprecher Christopher Ronge mit "Gibt es Fragen zu anderen Themen?" einleitet: Der Bürgermeister schwadroniert nicht frei - er antwortet. Das Signal: Der Regent ist demütiger Diener, nicht Lehrmeister des Publikums. Dass er Fragen oft längst zu kennen scheint? Ein guter Tribun ist eben spontan - und weiß, was die Stadt bewegt. Danach ist das Buffet neu bestückt. Satt und voll froher Kunde eilt die Presse in die Redaktionen.

Ganz bescheiden

Auch an seinem Geburtstag, erklärte Häupl am Dienstag (natürlich auf Anfrage), gebe es keinen Grund, das Programm zu ändern: In der Früh hätten ihm ein paar liebe Menschen gratuliert, "aber die Feiern sind weit weniger aufregend, als es die öffentliche Aufmerksamkeit suggeriert". Ganz so, als wäre er zu bescheiden, die für Freitag angesetzte Feier mit 1700 Gästen in der Messe Wien zu erwähnen.

Zu seinem 50er hatte Häupl ein VW-Käfer Cabrio bekommen, "mit dem ich leider viel zu selten fahre". Was er sich nun wünsche? "Nur einen Tag ausschlafen - aber am Samstag ist schon SPÖ-Landesparteitag." Kern- , aber bestimmt nicht offizieller Tagesordnungspunkt ebendort: Das In-Szene-Setzen der Festspiele am 7. November. Denn da wird Michael Häupl wieder gefeiert: Er ist dann zehn Jahre Bürgermeister. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2004)

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    Geburtstagswunsch: "Nur einen Tag ausschlafen" - Michael Häupl.

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