Gerichtsgeschichte: Streifgruß an Hitler

16. September 2004, 14:24
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Eine Verhandlung über Wiederbetätigung und "postpupertäres Gehabe" im verpönten Großen Schwurgerichtssaal - Von Daniel Glattauer

Wien - Wenn Günter Woratsch, der Präsident des Grauen Hauses, einmal selbst einen Geschworenenprozess leitet, dann verhandelt er im verpönten Großen Schwurgerichtssaal. Das hat den Vorteil, dass hier die kürzesten Prozesse ihrer Art stattfinden. Worte kann man sich sparen. Man hört sie zwar, aber man versteht sie nicht. "Seit 15 Jahren ist es technisch nicht gelungen, eine brauchbare Mikrofonanlage zu installieren", erklärt der Präsident auch diesen Geschworenen. Wenig später beraten sie bereits über das Urteil.

Dass man nichts hört, trifft sich gut. Der Präsident hat fast nichts zu fragen, die Angeklagten nichts zu sagen. Isoliert von der Gruppe und außerhalb der Wirkung von Alkohol und Hitlergruß erscheinen sie noch verlorener als damals in ihrem Stammlokal in Favoriten, als sie die Polizei beim Feiern störte. Dem beisitzenden Richter fällt die verantwortungsvolle Aufgabe zu, alle paar Minuten die weißen T-Shirts mit aufgedrucktem deutschen Reichsadler und Hakenkreuz in die Höhe zu halten, um zu zeigen, wovon die Rede wäre, würde man etwas davon verstehen.

"Postpubertäres Imponiergehabe"

Der Staatsanwalt erklärt sinngemäß: Die beiden waren "White Power Skinheads". Die mögen weder Schwarze noch Juden. Der Holocaust sei für sie vielleicht nicht ganz in Ordnung gewesen, aber sonst sei in der NS-Zeit alles recht gut gelaufen, meinen sie. Mit Parolen, Symbolen und ihren T-Shirts haben sie sich nach dem Verbotsgesetz strafbar gemacht.

Für die Anwälte waren die besoffenen Aktionen "postpubertäres Imponiergehabe", Ausdruck der "Orientierungslosigkeit der heutigen Jugend". Die beiden wurden 1979 und 1980 geboren, seien also "weit entfernt von den historischen Tatsachen". Das Gericht soll aber ruhig den Anfängen wehren, man erwarte nicht unbedingt Freisprüche.

"Leid"

Den Angeklagten tut irgendwie Leid, dass das alles an die Öffentlichkeit geraten ist. Den deutschen Gruß haben sie sonst nur "daheim vor dem Spiegel" gemacht. "Was bringt Ihnen das?", fragt der Präsident. - Einer der Angeklagten murmelt etwas. Ein Geschworener fragt: "Was hat er gesagt?" - Aber der Präsident überhört die Frage, oder er versteht sie nicht.

Die Angeklagten werden zu zwölf und 18 Monaten bedingter Haft verurteilt. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2004)

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