Litauens Klangwelt zum köstlich murmelnden Bach

20. September 2004, 20:23
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Die Klangspuren Schwaz mit einem Uraufführungsreigen

Schwaz - Der Gebirgsbach durchtoste zerklüftete Felsformationen, von bizarr ineinander verkeilten Baumstämmen nur unwesentlich gebremst. "Gott hat dich im Auge, aber er ist kein Aufpasser", tönte dem, der diesem wildromantischen Schlund der Natur entronnen war, von oben via Predigt-Megafon beunruhigend entgegen.

Kein Zweifel, der "Hörspaziergang" durch die Wolfsklamm auf den Georgenberg bei Stans offenbarte tiefe Einblicke in diverse Schichten Tiroler Urgesteins. Im Wallfahrer-Gasthaus angekommen, suchte Otto M. Zykan, gegen eilfertige "Marillenknödel??!!" - oder "Wurstsalat??!!"-Rufe ankämpfend, seine Sicht der Bezüge zwischen Naturgeräuschen und kompositorischer Arbeit darzustellen, mit dem (scheinbar) so passend betitelten Violinkonzert Da drunten im Tale, das zur Eröffnung der elften Klangspuren seine Uraufführung erlebt hatte, als logischem Fokus.

Das Schwazer Festival gibt sich von Jahr zu Jahr erfinderischer, was den Abbau von Schwellenangst gegenüber Neuer Musik anbelangt: Klänge und (so genannter) Alltag, das sind hier keine Gegensätze, sondern vom selben erkundungsfreudigen, offenen Geist durchpulste Sphären.

Die Brückenschläge gelten 2004 dem osteuropäischen EU-Neuland; wobei am ersten Wochenende insbesondere Litauens junge Komponistengeneration in den Blickpunkt gerückt wurde.

Vykintas Baltakas heißt der zurzeit bekannteste Newcomer, der dramaturgische Transparenz mit einem Faible für die Arbeit mit Klanggruppen verbindet: Am überzeugendsten wurde dies in dem Stück Ouroboros hörbar, welches das Gaida-Ensemble aus Vilnius in der legendären Fleckviehversteigerungshalle Rotholz zur Uraufführung brachte. Holzbläser, Streicher, Piano und Akkordeon verdichteten hier nacheinander flüchtige Gesten zu flirrenden Klangschichten, um im Folgenden in komplexen Mustern ihre Stimmen ineinander zu weben.

Auch das routiniert aufspielende Arditti-Quartett gab sich am Sonntag in den Swarovski-Kristallwelten litauisch: Vytautas Jurgutis' Ellipsis verdeckte seine Aussage durch eine gleichsam lexikalische Auflistung von Spieltechniken; Onuté Narbutaités Drapeggio folgte formal gekonnt dem Bild von Draperien, in deren Falten sich allerlei staubige Reminiszenzen angesammelt hatten und deren Ausläufer am Ende in feine geometrische Flageolettstrukturen auskristallisierten.

Das Ensemble Windkraft Tirol wartete unter Kasper de Roo im Stadtsaal Innsbruck ebenfalls mit zwei Uraufführungen auf: Konnte man anhand der Gegenüberstellung von Erkki-Sven Tüürs In The Memory of Clear Water und Franz Schreyers Musik für Bläser und Schlagzeug den Unterschied von musikalischer Aussage, die sich wuchtiger Klangmittel bedient, und dem fragwürdigen Ansatz, über monumentales Pathos zu solcher Aussage zu finden, erleben, so gelang dem Ensemble mit der Premiere von Sofia Gubaidulinas bereits 1974 komponiertem Opus Stunde der Seele ein Coup: Von suchender, dramatischer Aufwärtsbewegung bestimmt, findet jene Ode an den Tod im Text Marina Zwetajewas, für Mezzosopran gesetzt, einen stillen Höhepunkt. Ein Stück, mit dem das Festival tatsächlich "Klang-Spuren" zurücklässt - im Hörer wie in der Musikgeschichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2004)

Von
Andreas Felber

Bis 26. 9.
weiteres Programm:
Klangspuren.at
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