"Wo keine Kinder, da keine Schule"

15. Dezember 2004, 18:23
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Elisabeth Gehrer (VP), als Bildungsministerin für Schulen und Universitäten zuständig, über Schulen ohne Kinder, pensionsreife Lehrer, die Abschaffung der parteipolitisch besetzten Schulkollegien und Pädagogen, die als Trainer enden

Standard: Dieser Tage würden viele in den Schulen, vor allem aber Landespolitiker, sagen, der heimliche Regent in den Schulen ist der Finanzminister. Ist das so?

Gehrer: Das ist er nicht. Ich hab mit dem Finanzminister für heuer 670 Dienstposten mehr ausverhandelt, weil wir mehr Schüler haben. Plus tausend an Gymnasien, plus 2000 an berufsbildenden Schulen.

Standard: Was heißt das für den Finanzausgleich?

Gehrer: Wenn mehr Schüler an Schulen sind, müssen mehr Dienstposten zur Verfügung gestellt werden.

Standard: Das betrifft das immer währende Problem mit den Landes- und Bundeslehrern.

Gehrer: Ich bin gegen eine neue Zentralisierung. Beim Finanzausgleich geht es nicht um eine Änderung der Verantwortung, sondern um einen einfacheren Geldfluss. Fürs Gesamtbudget bin immer noch ich verantwortlich. Der Finanzminister hat ein faires Angebot gemacht. Er will das geben, was 2004 gebraucht wurde, plus Gehaltserhöhungen und Vorrückungen. Gibt es weniger Schüler, ist zu fragen, wie man den Rückgang eventuell abziehen kann. Aber nicht den gesamten. Es ist ja nicht wegen jedem Schüler weniger eine Klasse weniger.

Standard: In den Volksschulen sinkt die Schülerzahl stark. Was tun mit den Lehrern?

Gehrer: Es gibt jetzt einen fließenden Prozess, wo viele Lehrer in Pension gehen. Das ist nicht das Problem. Die große Schwierigkeit ist die, dass wir in manchen Schulen keine Kinder mehr haben werden.

Standard: Stehen Schulschließungen an? Heuer gab es 5000 Taferlklassler weniger.

Gehrer: Wo keine Kinder, da keine Schule. Es gibt eine Regel: Eine Schule sollte man noch aufrechterhalten mit zehn Kindern, bei steigender Tendenz. Fakt ist, es gibt weniger Geburten.

Standard: Gab es heuer Schulschließungen? Immerhin haben um 5000 Kinder weniger mit der Schule begonnen.

Gehrer: Das weiß ich nicht. Die Schulstandorte sind Sache der Länder. Ich habe selber eine ganz kleine Schule in Gargellen in Vorarlberg mit acht Kindern eröffnet. Die hätten sonst eine halbe Stunde durch ein lawinengefährdetes Tal in die Schule fahren müssen. Im nächsten Jahr waren es nur mehr vier Kinder und man hat sie halt wieder gefahren. Das können nur die regionalen Schulmanager entscheiden.

Standard: Ein Problem für die betroffenen Lehrer ist, dass sie durch das rigide Ausbildungssystem so gut wie keine Umstiegsmöglichkeiten haben.

Gehrer: Wir haben überhaupt kein rigides Lehrerbildungssystem. Die Lehrer sind gefragt in der Erwachsenenbildung oder als Trainer in der Wirtschaft. Und wenn wir die pädagogischen Hochschulen ab 2007 umsetzen, wird es auch Zusatzangebote geben.

Standard: Aber die Lehrer müssen aus der Schule raus. Ein Wechsel von Volks- zu Hauptschule ist quasi unmöglich.

Gehrer: Das einzige Wechselhindernis, das wir immer wieder gehabt haben, war eigentlich die Pragmatisierung.

Standard: Warum sollen alle Lehrer in den pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden, nur nicht die AHS-Lehrer?

Gehrer: Die pädagogischen Hochschulen sind eine konsequente Weiterentwicklung der pädagogischen Akademien. Damit sind die Lehrer und Lehrerinnen dann Akademiker mit Bachelor. In Bayern hat man die gesamte Pflichtschullehrerausbildung an die Universitäten gegeben und schlechte Erfahrungen gemacht, weil es so ein zehntes Rad am Wagen war.

Standard: Die SPÖ ist für Aufnahmetests für künftige Lehrer. Was halten Sie davon?

Gehrer: Lehrersein braucht besondere Fähigkeiten. Wer farbenblind ist, kann nicht Kunst studieren, wer kein gutes Gehör hat, kann nicht Musik studieren. Ich mag das Wort Aufnahmetest nicht. Entweder man macht ein Aufnahmeverfahren, das sich über längere Zeit erstreckt, oder eine Erprobungsphase zu Beginn des Studiums, wie in Innsbruck.

Standard: Bei Direktorenbestellungen gibt es immer wieder die Kritik, das Parteibuch sei wichtiger als die Qualifikation.

Gehrer: Ich halte das für völlig falsch. Nicht die Kritik, sondern dass es das noch gibt. Wenn es noch vorkommt, muss ich dem Stadt- oder Landesschulrat die Verantwortung geben. Das darf nicht sein und muss unbedingt verhindert werden.

Standard: Durch Abschaffung der parteipolitisch bestellten Kollegien, die entscheiden?

Gehrer: Mein Bestreben ist ja, im Österreich-Konvent diese Kollegien endlich abzuschaffen und eine echte, objektive Auswahl mit einem Prüfungsgremium, einem Objektivierungsverfahren und einer Personalkommission zu machen. Ich brauche diese parteipolitisch besetzten Kollegien wirklich nicht.

Standard: Soll die Zweidrittelmehrheit für Schulfragen weg?

Gehrer: Ich bin für einen schlanken Bildungsparagrafen in der Verfassung, der ein differenziertes Bildungsangebot sichert. Wer eine Gesamtschule einführen will, braucht eine Zweidrittelmehrheit. Alle anderen Fragen kann man einfach gesetzlich regeln.

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 15.9.2004)

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    bild: standard/cremer
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