"Lassen wir die Frauen selbst entscheiden"

1. Oktober 2004, 19:08
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Iranische Friedensnobelpreis­trägerin warnt Frankreich vor Fundamentalismus - nicht zuletzt wegen des Kopftuchverbots

Wien - "Ich bin auf jeden Fall dagegen, dass jemand, weil er ein Kopftuch trägt, nicht weiter studieren darf oder die Arbeit verliert", erklärte die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi am Dienstag in Wien, angesprochen auf Kopftuchverbote, die in mehreren europäischen Staaten in Kraft sind bzw. zur Debatte stehen. Die Menschenrechtsanwältin forderte vor JournalistInnen: "Lassen wir die Frauen doch selbst entscheiden! Wenn sie ein Kopftuch tragen wollen, dann ja, wenn nicht, dann nicht."

Aktio und Reaktio

Frankreich prophezeit Ebadi ein Aufflammen des Fundamentalismus. Dort sind seit Anfang September "auffällige, religiöse Symbole" an öffentlichen Schulen verboten, darunter der islamische Tschador für Mädchen und Lehrerinnen. Derartige Verbote widersprächen Menschenrechten in Bezug auf persönliche Freiheiten. Wenn man mit Druck auf die MoslemInnen in Europa zugehe, würden diese sich in Gruppen organisieren; der religiöse Extremismus keime auf.

"In Österreich und Skandinavien sehe ich überhaupt keinen Fundamentalismus. Der Grund dafür ist einfach: In diesen Ländern wird korrekt mit den Moslems umgegangen. Im Gegensatz dazu gibt es in Frankreich einen Fundamentalismus, der in Europa einzigartig ist", führte die 56-jährige Juristin aus, die unter anderem auch in Paris studierte. Es werde eine Zeit geben, in der sich Frankreich die Frage stellen müsse, was der Grund für diese Entwicklung im Land sei, warnte die Friedensnobelpreisträgerin 2003.

Menschenrechte und Verletzungen derselben

Ebadi bedauerte, dass von politischer Seite immer wieder Vorwände vorgebracht werden, wenn es zu Menschenrechtsverletzungen kommt - seien die Ausflüchte religiöser oder politischer Natur, oder wenn etwa mit der Bekämpfung des Terrorismus argumentiert werde. "Die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte in einem Land, ist kein Grund, dass sie auch in einem anderen Land nicht eingehalten werden", stellte Ebadi bei dem Pressegespräch am letzten Tag ihres Besuches in Österreich fest.

"Bin keine Heldin"

Der Angriff der USA auf den Irak etwa oder das Gefängnis für im Zuge des "Kampfs gegen den Terrorismus" Festgenommener in Guantanamo dürften nicht benutzt werden, anderswo die Problematik der Menschenrechte ungelöst zu lassen, meinte die Friedensnobelpreisträgerin auch in Richtung ihres Heimatlandes Iran. "Die Einhaltung der Menschenrechte ist eine primäre Pflicht der jeweiligen Bevölkerung", sagte Ebadi, "Wenn die Bevölkerung eines Landes für die Einhaltung der Menschenrechte kämpft, dann muss auch dafür gesorgt werden, dass sie eingehalten werden."

Konfrontiert mit dem angeblichen Vorwurf vieler enttäuschter IranerInnen, wonach sie sich nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis im Vorjahr nur selten zum konservativen Teheraner Regime geäußert habe, verwies Ebadi auf ihre jahrelange Tätigkeit als Menschenrechtsanwältin: Ihre Klienten seien Beweis dafür, was "meine Ansichten bezüglich der Menschenrechte im Iran sind".

Viele Menschen suchten nach einem Helden/einer Heldin, der/die über Nacht erscheine und alle Probleme löse, meinte die Nobelpreisträgerin weiter. Gerade das habe im Iran aber zu einer "Position der Unterdrückung" geführt. "Ich bin keine Heldin, keine Politikerin und gehöre auch keiner Partei an. Ich habe auch nicht die Absicht, in die Regierung aufgenommen zu werden. Ich bin eine Anwältin, die ihr ganzes Leben lang für den Erhalt der Menschenrechte gekämpft hat - sonst nichts." (APA)

  • Ebadi: "Die Einhaltung der Menschenrechte ist eine primäre Pflicht der
jeweiligen Bevölkerung."
    foto: standard/cremer
    Ebadi: "Die Einhaltung der Menschenrechte ist eine primäre Pflicht der jeweiligen Bevölkerung."
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