Künstliche Welten von Mythen und Migranten

14. September 2004, 19:20
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Liz Kings & Esther Balfes "fake space II", "Salome - Ein Flirren für 14 TänzerInnen" von Rose Breuss

Die österreichischen Choreografinnen Rose Breuss und Liz King suchen in ihren aktuellen Produktionen nach Übersetzungen von alten und alltäglichen Mythen in tänzerische Bewegungssprachen. Liz King, künstlerische Leiterin des Tanztheater Wien, und ihre langjährige Tänzerin Esther Balfe bauen in fake space II mit drei Asylwerbern, einer slowakischen Krankenschwester und Tänzern eine "erfundene" Welt. Migrationserfahrungen und alltägliche Mythen verschiedener Kulturen werden zum Sound des Wiener DJ Tunakan vertanzt. "Wir erkennen in den Gesichtern der Flüchtenden unsere eigenen Untaten wieder; darin liegt der Grund unseres Übersiedelns. Wir fliehen vor unserer Vergangenheit", philosophiert Vilem Flusser, auf den King sich bezieht.

In unserer globalisierten Welt verlieren vertraute Kodes (der Heimat, der Geschichte) ihre Funktion. Die Reaktivierung mythischer Zeiten kompensiert den aktuellen Verlust der Sesshaftigkeit. Liz King und Esther Balfe greifen diese Gedanken in ihrer "integrativen" Produktion auf. In fake space II wird mit der Choreografie eine Fluchtlinie notiert, auf der sich Flüchtlinge im Tanz begegnen.

Salome und die Orgeln

Rose Breuss, Choreografin, Dozentin für Tanz an der Bruckner-Universität in Linz und Lehrende in der Ballettschule der Wiener Staatsoper, sucht in Salome - Ein Flirren für 14 TänzerInnen nach choreografischen Neuübersetzungen eines alten Mythos. Man sollte keine Wiederauflage der ekstatisch tanzenden Salome erwarten. Denn Breuss sucht eher nach einem Zustand des "Flirrens" in der Verknüpfung von Choreografie und Klangerlebnis. Die Oberflächen existierender Salome-Bilder werden subtil abgetastet, gespiegelt und in neue Bewegungsformationen übersetzt. Kippungen, Schleifen und Drehungen zur Komposition von Georg Nussbaumer lösen die konventionelle Figuren-und Handlungsdramaturgie der Salome-Geschichte auf.

Die Liveaktion des Orgelspielers - das Heben der Gewichte und das Hineintreiben der Nägel - wird zu einem wesentlichen Element der Inszenierung und theatralisiert die Choreografie.

Die beiden etablierten österreichischen Tanzschaffenden entführen ihr Publikum einmal mehr in präzise konstruierte (Bewegungs-)Welten. (SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

Von
Nicole Haitzinger

  • "fake space II", 28.-31. 10.

  • "Salome", 25.-27. 11.

  • jeweils TQW/Halle G, 20.30
    • Hinter dem Vorhang ihrer Fantasien schaut Salome einem flirrenden Männerspiel zu.
      foto: bochdansky

      Hinter dem Vorhang ihrer Fantasien schaut Salome einem flirrenden Männerspiel zu.

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