"Fest in der Hand der ÖVP"

17. September 2004, 12:10
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Der sicherste Weg, zum Schuldirektor aufzusteigen, führt in Tirol über eine Spitzenposition in der schwarzen Lehrergewerkschaft. Diese Praxis der Rekrutierung von Tirols Schulelite hat bisher auch alle Objektivierungsregeln überstanden

Innsbruck - "Die Schwarzen stellen für die Direktorenbestellung Regeln auf, die sie dann selber nicht einhalten", ärgert sich Rainer Hofmann, Fraktionssprecher der SPÖ im Kollegium des Landesschulrates. Als aktuelles Beispiel nennt er die Direktorenbestellung an der HBLA Lienz im vergangenen Juli.

Ein Lehrer, der seit Jahren an der Schule mit Tourismusschwerpunkt unterrichtet, wurde von Lehrern und Eltern an die erste Stelle gereiht. Auch beim Hearing des Landesschulrates schnitt er am besten ab und erfüllte als einziger Kandidat die geforderte Qualifikation einer dreijährigen Praxis an einer HBLA. Mit ihrer Mehrheit im Landesschulrat entschied sich die ÖVP trotzdem für den zweitgereihten Kandidaten, einen Lehrer der HAK Lienz.

Gemeinsam mit Josef Auer, Schulsprecher der SPÖ im Landtag, hat Hofmann kürzlich bei einer Pressekonferenz kritisiert, dass im Pflichtschulbereich und bei den höheren Schulen "die Direktorenbestellung fest in der Hand der ÖVP ist". Lehrer mit anderer Weltanschauung hätten keine Chance. Die Schärfe des Angriffs überraschte, sitzt doch die SPÖ in einer Koalitionsregierung mit der ÖVP. Deren Klubobmann Klaus Madritsch reagierte mit einer knappen Presseaussendung, in der er auf ein "strenges Auswahlverfahren nach festgelegten Objektivierungsrichtlinien" verweist und die Kritiker zu Objektivität auffordert. Damit war der Koalitionsfriede wieder hergestellt und das Thema vom Tisch.

Wunsch nicht bindend

Landesschulratspräsident Sebastian Mitterer, seit einem Jahr auch Bildungslandesrat, bestreitet willkürliche oder parteipolitisch motivierte Entscheidungen. So hätten bestimmte Qualifikationen in einem Anforderungsprofil nie bindenden Charakter und seien "ein Wunsch", die Reihungen durch Lehrer und Eltern nur Empfehlungen. Jenseits von Objektivierungsrichtlinien sei es manchmal halt besser, wenn der neue Direktor von außen käme, etwa wenn es im Lehrerkollegium Unstimmigkeiten gäbe, so Mitterer. Er habe "politisch noch nie einen gefragt, wo er herkommt", betont Mitterer und sagt im gleichen Atemzug, dass in Lienz ohnehin "beide Bewerber aus unserer Richtung" kämen. Außerdem erfolge mehr als die Hälfte aller Direktorenbestellungen einstimmig und in 92,9 Prozent der Fälle zumindest mit Zweidrittelmehrheit.

Zu Zeiten des Proporzes wurden der SPÖ zwei von 24 AHS-Direktorenposten zugestanden. Seit objektiviert wird, sind es null.

Bemerkenswertes fördert eine Recherche des AHS-Lehrers Horst Schreiber zutage. "Bisher wurden seit 1948 alle Obleute der Gewerkschaft AHS mit einer Ausnahme und alle Vorsitzenden des Fachausschusses, den es seit 1967 gibt, Direktoren und Inspektoren". Gewerkschaft und Personalvertretung wiederum waren und sind durch Vertreter des AAB, des "Vereins Christlicher Lehrer" und der "Österreichischen Professorenunion" dominiert. Für Schreiber haben die "Verwischung der Grenzen zwischen Schulaufsicht, Dienstgeber- und Arbeitnehmerseite geradezu System" und "Einrichtungen zur Wahrung von Interessen der Lehrer und Lehrerinnen degenerieren zu Karrierevehikeln".

(Hannes Schlosser/DER STANDARD-Printausgabe, 14.9.2004)

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