"Vater der Pille" Djerassi: "Explosion des religiösen Extremismus" in den USA

17. September 2004, 09:37
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Bush und Ashcroft würden gut in theokratisches System passen - "Ich habe Angst um Amerika"

Melk/Wien - "Ich habe jetzt Angst um Amerika." Mit diesen knappen Worten umriss der Erfinder der "Pille" und Erfolgsautor Carl Djerassi anlässlich seines kürzlichen Österreich-Aufenthalt die politisch-ideologische Situation in den Vereinigten Staaten. Djerassi, ein gebürtiger Wiener, der vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die USA emigrierte, sprach bei einer Veranstaltung in Melk von einer "Explosion des religiösen Extremismus" in seiner zweiten Heimat.

"Wenn (US-Präsident George W.) Bush und (US-Justizminister John) Ashcroft nicht in den USA geboren worden wären, ... sie würden sich in einem theokratischen System, das sie bekämpfen, sehr wohl fühlen", meinte der Chemiker, der sich später der Schriftstellerei zuwandte und von der Wissenschaft inspirierte Romane und Theaterstücke wie "Kalkül" und "Unbefleckt" schrieb. Bei diesen Mitgliedern der politischen Elite gehe es um "einen evangelischen, nicht katholischen Fundamentalismnus". Bush gehört der Episkopalkirche an.

"Schreckliche Extreme"

Amerika durchlaufe "schreckliche Extreme", die ihn an die McCarthy-Ära erinnerten, sagte Djerassi. "Ich bin sehr pessimistisch." Und er fügte hinzu: "Ich habe den Vorteil, zwei Pässe zu besitzen. Ich kann mir das Land aussuchen, in dem ich lebe." Er fühle sich "als Amerikaner, der wieder seine Wurzeln als Wiener entdeckt hat."

Zu seiner Rückkehr nach Österreich nach dem Krieg führte Djerassi aus, in den 50er Jahren sei er erstmals zu einem biochemischen Kongress in die Bundeshauptstadt gekommen. "Für Emigranten war Rückkehr immer eine Mischung von süß und bitter." Mit zunehmendem Alter "wird es immer süßer".

Sich selbst bezeichnet Djerassi auf Grund seiner Wandlung vom Wissenschafter um Schriftsteller als "intellektuellen Polygamisten". Heute sei es dies mehr als früher. "Das freut mich." Für Wissenschafter bestehe eine Art Verbot, einen Dialog zu führen, als Schriftsteller hingegen könne er sich mit seinem Ego beschäftigen. Wenige Chemiker seien reflektiv, Ärzte hingegen schon, so Djerassi unter Hinweis auf Arthur Schnitzler und Anton Tschechow. Eine Ausnahme bilde hierbei Elias Canetti, der studierter Chemiker war. (APA)

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    Carl Djerassi hat Angst um die USA

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