Vetorecht für Eltern und Schüler

17. September 2004, 12:10
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Die Schulreformen sind zum Stillstand gekommen, meint der Erziehungswissenschafter Bernhard Rathmayr im Gespräch mit Hannes Schlosser und verlangt echte Schulautonomie

STANDARD: Ihr Befund zur österreichischen Schule?

Bernhard Rathmayr: Die Schule in Österreich entbehrt seit dem letzten Anlauf zu großen Schulreformen in den 70er-Jahren jede innovative Tendenz. Was wir noch bekommen, sind kleine Retuschen, meistens eine vermeintlich medienwirksame Nomenklatur bedienend: Schulautonomie, Mitbestimmung oder Entrümpelung des Lehrplans. Tatsächlich passiert eher das Gegenteil, aber diese Rhetorik gehört zur Strategie der gegenwärtigen Regierung. Der Staat begegnet der Schule mit der Generalmaxime des Verdachts. Das Gros der Regelungen bezieht sich darauf, dass der Lehrer den Lehrplan einhält, die Noten objektiv vergibt und der Schüler die schulischen Verhaltensvorschriften einhält. Damit bringt man keine Motivation zustande.

STANDARD: Haben Sie eine Gegenstrategie?

Rathmayr: Wir brauchen ei- ne große Debatte darüber, wer zuständig sein soll für die weitere Entwicklung der Schule. Das dürfen nicht mehr in dem Maße die gro- ßen politischen Parteien sein, sondern das müssen, grob gesagt, die Schulunternehmen sein - also die Trägerinstitutionen, die Schule in der Praxis veranstalten. Und das sind die Lehrerkollegien, mitbestimmend flankiert von den Eltern und Schülern.

STANDARD: Wer bestimmt in diesem Modell die Direktoren?

Rathmayr: Die Lehrer wählen den Direktor oder das Leitungsteam; die Eltern und die Schüler haben dagegen eine Vetomöglichkeit; und die Schüler und die Eltern wählen die Schulen. Das ist der Hebel, mit dem verhindert wird, dass die Lehrer sagen: Nehmen wir den, der am wenigsten von uns verlangt. - Wenn sie keine Schüler mehr haben, sind sie ihren Job los.

STANDARD: Und wer wählt die Lehrer?

Rathmayr: Das schulische Leitungsteam - wieder mit Einspruchsrecht der Eltern und Schüler - wählt die Lehrer aus und entlässt sie auch.

STANDARD: Und den Landesschulrat schaffen wir ab?

Rathmayr: Den gibt es nicht mehr. Die Einhaltung der Gesetze schützt, wie überall, das öffentliche Recht.

(DER STANDARD-Printausgabe, 14.9.2004)

ZUR PERSON: Bernhard Rathmayr (62) ist ao. Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Innsbruck
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