Hier Einsamkeit, da Gemeinschaft

14. September 2004, 14:07
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Theorien über "Gesten" und "Unmögliche Tränen"

Krassimira Kruschkova, Theaterwissenschafterin und Performancetheoretikerin, ist die intellektuelle Instanz des Tanzquartiers. "Der Theoriebereich im TQW steht für eine Ineinanderfaltung von gegenwärtiger künstlerischer Praxis und Theorie", sagt sie.

Unter allen vergleichbaren Häusern in Europa reserviert nur das Tanzquartier Wien einen eigenen Posten für Theorie. Kruschkova sieht ihre Aufgabe darin, "Künstlern einen professionellen Hintergrund zu bieten und das Publikum in eine zeitgenössische Diskussion zu involvieren. Weiters, durch Vorträge den Zugang zu den am TQW gezeigten Produktionen zu erleichtern." Im Rahmen des Themenschwerpunkts Gefühlsathletik hat Krassimira Kruschkova eine Tagung unter dem Titel Unmögliche Tränen zusammengestellt, bei der Intellektuelle wie die Literaturtheoretiker Rainer Nägele (USA/F) und Valerie Baumann (CH), die Tanzwissenschafterin Claudia Jeschke (A/D), die Theaterwissenschafterin Monika Meister (A) und der Kunsttheoretiker Andreas Spiegl (A) sich mit der Emotionalität im gegenwärtigen Tanz- und Performancegeschehen auseinander setzen werden.

"Sind Darstellungen von Emotionen heute möglich - in einer Zeit, in der wir über die Krise des Politischen, des Religiösen und der Gemeinschaft sprechen?", umreißt Kruschkova die zentrale Fragestellung ihrer Tagung. "Das Publikum ist dabei wichtig. Bei Kafka, in Das Schloss, gibt es eine Stelle, an der es heißt, dass sich der Held K. in einem Zwischenraum zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft befindet. In dieser Situation steckt auch der Zuschauer." Das allein löse bereits Emotionen aus. Kruschkovas These: "Giorgio Agamben sagt, wir leben in einer Zeit, in der die Menschen ihre Gesten verloren haben. Es ist wie ein Stillstand zwischen Pathos und Unsagbarkeit. Der Verlust der Geste meint die Auflösung der Lesbarkeit, dabei verlieren die Affekte ihre Referenzialität. Uns interessiert zu wissen, ob das noch der Fall ist."

Kleists zwei Striche

Leitmotiv der Unmöglichen Tränen sind Kleists berühmte zwei Gedankenstriche in dem Satz: "Ja, wenn man Tränen schreiben könnte - doch so--" Wie schon in der Vortragsreihe ob?scene in der vergangenen Saison, "geht es auch hier um eine Auslassung: ob nicht viele Gefühle nur als Leerstelle zu markieren und auszudrücken sind. Ich sehe dieses Thema über Emotionen", ergänzt die Theoretikerin, "durchaus politisch. Denn es geht auch darum, dass die Darstellbarkeit des Gefühls in einer Zeit, in der es nur ein Zitat seiner selbst zu sein scheint, problematisch wird. Und dadurch wird die Suche danach umso spannender."

Den Gesten ist eine weitere Reihe von Vorträgen gewidmet, die jeweils im Zusammenhang mit einer Aufführung stehen. Kruschkova: "Auch die Geste ist hier politisch zu verstehen. Agambens Noten zur Politik und der Gestus bei Brecht markieren hier die Positionen. Hinterfragt die Geste ihre Lesbarkeit, so hinterfragt sie das Medium selbst, die Konventionen, also auch politische Dimensionen."

In diesem Sinn werden der deutsche Kritiker und Theoretiker Franz Anton Cramer über Philipp Gehmacher, Claudia Jeschke über Rose Breuss (siehe Seite 2) und die Tanztheoretikerin Gabriele Brandstetter über Jan Fabre (siehe Seite 4) sprechen. (ploe/SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

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