Staatszugehörigkeit vor Glauben

14. September 2004, 20:55
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Vor dem Hintergrund der Entführungen im Irak haben viele MuslimInnen in Frankreich und Italien ihre Wahl getroffen: Die Staatszugehörigkeit kommt vor dem Bekenntnis zum Glauben

Wie fühlt sich wohl ein junges Mädchen, wenn es beim Betreten der Schule erstmals das Kopftuch abnimmt, das es in der Öffentlichkeit seit Jahren trägt? Die Betroffenen schweigen. Eine Woche nach Schulbeginn in Frankreich ist hingegen bekannt, dass sich heuer nur 500 Mädchen mit ihrem "voile" am Schuleingang präsentiert haben, gegenüber 1200 im Vorjahr. Und nur etwa 80 - vor allem im Elsass - weigern sich weiter, ihr Haupt zu entblößen, wie es das neue Gesetz gegen religiöse Symbole an den Staatsschulen will.

In den allermeisten Fällen machen die Mädchen keinerlei Aufhebens und versorgen ihr "foulard", wie man in Frankreich bisweilen auch sagt, ohne Murren in ihrer Schultasche. Der Akt hat etwas höchst Symbolisches: Die jungen Musliminnen machten damit klar, dass sie sich dem Gesetz der laizistischen Republik unterwerfen, die nun einmal statuiert hat, dass Religion oder deren Ausdrucksmittel in ihren Schulzimmern nichts zu suchen haben.

Die Mädchen distanzieren sich so von jenen irakischen Kidnappern, die Paris mit der Entführung der Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot zwingen wollten, das Gesetz gegen die religiösen Insignien an öffentlichen Schulen zurückzunehmen. "Mein Kopftuch soll nicht mit Blut befleckt werden", sagte sogar eine Vertreterin der orthodoxen "Union der islamischen Organisationen Frankreichs" (UOIF).

Die Mehrheit der Franzosen staunte beeindruckt, wie einhellig die Imame in den Moscheen zum Befolgen des Gesetzes aufriefen. Auch Erziehungsminister François Fillon wunderte sich, wie reibungslos der oft gespannte Schulbeginn über die Bühne ging. Frankreich, so meinte er, verbreite dank seinen MuslimInnen "ein Bild der nationalen Einheit". Praktizierende MuslimInnen gründeten gar ein Komitee zugunsten der beiden Journalisten und organisieren in Paris Demonstrationen; derweil reisten die höchsten Vertreter des islamischen Kultusrates Frankreichs nach Bagdad, um die Freilassung zu erwirken.

Am gleichen Strick gezogen

Die französischen Muslimorganisationen, normalerweise in Machtkämpfe zwischen "algerischen", "marokkanischen" oder "saudischen" Flügeln und Moscheen zerstritten, ziehen erstmals am gleichen Strick. Dies ermöglichte es unter anderem, dass erstmals ein Treffen der jüdischen und islamischen Dachräte in Paris stattfand, um über antisemitische Anschläge in Frankreich zu diskutieren.

Der viel bemühte, aber bisher inexistente "Islam à la française" nimmt damit dank einer fernen Geiselkrise erste Konturen an. Damit einher geht ein ebenso abruptes wie tiefes Umdenken. Sogar der verkappte Islamist Tariq Ramadan rief diese Woche aus Genf dazu auf, die Gesetze der französischen Republik "ohne Einschränkung" zu befolgen.

Natürlich lässt sich einwenden, das schöne "Bild der nationalen Einheit" könne bald wieder in sich zusammenfallen, der Widerstand gegen das so genannte Kopftuch-Gesetz wieder aufflackern. UOIF-Vertreter verhehlen nicht, dass sie es auf dem Rechtsweg anfechten und notfalls auch europäische Gerichte anrufen wollen.

Doch auch dieser zukünftige und wahrscheinlich jahrelange Rechtsstreit lässt sich in einem positivem Licht sehen: Indem die UOIF und ähnliche Verbände die weltliche Justiz anrufen, müssen sie sie gleichzeitig auch akzeptieren. Und den Koran im Konfliktfall hintanstellen. Das wäre, wenn er sich bestätigen sollte, ein großer Sprung für Zehntausende von UOIF-Mitgliedern. Nachdem ihre Führer bisher bewusst offen ließen, ob sie im Zweifelsfall eher der Scharia oder der Republik Priorität einräumen, haben sie nun ohne zu Zögern eine klare Wahl getroffen. Nicht als französische Muslime, sondern als muslimische Franzosen.

Vive la nuance

Vive la nuance: In Verdrehung eines fremdenfeindlichen Le-Pen-Slogans ließe sich sagen, dass sie heute "zuerst FranzösInnen" sind. Und als solche befinden sie heute, was gut für sie ist, ohne sich ihr Verhalten von außen durch irgendwelche Djihad-Verfechter oder islamistische "Armeen" diktieren zu lassen. Im Gegenteil suchen sie sich davon abzuheben.

Geholfen hat bei dieser Entwicklung sicherlich der Umstand, dass Frankreich gegen den Irakkrieg eingetreten ist. Selbst die radikalsten Koranpriester in Paris, Lyon und Marseille können seither nicht mehr so tun, als ob der ganze ungläubige Westen den heiligen islamischen Boden im Irak besudle.

Die gut vier Millionen MaghrebinerInnen, die in Frankreich das Gros der MuslimInnen bilden, müssen sich damit etwas weniger ausgeschlossen fühlen in dem reichen und "weißen" Europa, wo sie gerade mal als FremdarbeiterInnen geduldet sind. Vielleicht merken sie auch, dass die französische Diplomatie auch wegen ihnen selbst eher proarabisch ist und im Irak klar antiamerikanisch auftrat: Obwohl das keine PolitikerIn zugeben würde, liegt die Annahme nahe, dass allein die Existenz von Millionen WählerInnen aus dem Maghreb beträchtlichen Einfluss auf französische PolitikerInnen hat.

Lebenssituation schlechter denn je

SkeptikerInnen wenden ein, dass die Situation der jungen MaghrebinerInnen schlechter denn je sei; sie fühlten sich, obwohl mit dem französischen Pass ausgestattet, wesentlich schlechter integriert als ihre Eltern, die aus Tunesien, Algerien und Marokko eingewandert waren.

Es zeugt von einer Evolution, wenn sich der französische Staat mit seinem Gesetz - zumindest fürs Erste - durchgesetzt hat und rassistische Gewalttäter heute rigoros verfolgt. Natürlich bräuchte es mehr: wirksame, aber sehr teure Förderungsprojekte in verelendeten Banlieue-Vierteln, und vor allem einen breiten Bevölkerungskonsens für eine wirkliche soziale Integration. In Ermangelung dessen beschränkt sich die Republik gerne auf Symbole.

Solche Gesten genügen nicht, um Millionen von AusländerInnen zu integrieren. Aber sie dürfen auch nicht unterschätzt werden, wie die positive Wende im Kopftuchstreit verdeutlicht. Auch wenn viele Muslime aus dem Umfeld der UOIF nach der Geiselnahme ihren Verzicht rückgängig machen möchten: In der langen Geschichte der französischen Einwanderung wird er doch als Meilenstein verbleiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.9.2004)

Stefan Brändle aus Paris
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    Junge Musliminnen beim Verlassen ihrer Schule in Lille.
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