Tänze des Lachens und des Weinens

14. September 2004, 14:07
1 Posting

Mit Beginn seiner vierten Saison zeigt sich das Tanzquartier Wien in Hochform

Künstlerische Themenschwerpunkte, ein großer Ost-West-Kongress, ambitionierte Gastspiele, herausfordernde Arbeiten österreichischer ChoreografInnen sowie engagierte Trainings-, Research- und Theorieprogramme prägen die neue Spielzeit 2004/2005, die von der Performancereihe "Gefühlsathletik" eingeleitet wird.


Ganz grundsätzlich ist der Liveeinsatz von Körpern, die sich dazu hinreißen (lassen), öffentliche Vorstellungen zu geben, eine berührende Angelegenheit. Auf beiden Seiten, jener der Performer, die sich hingeben, und der des Publikums, das sich hinbegibt. Darsteller sind, wie Antonin Artaud meinte, "Athleten des Herzens". Sie stellen Identifikationsfiguren dar, von denen wir wissen wollen, wie sie unser Leben aufbereiten.

Bert Brecht schrieb: "In der Kunst genießen die Menschen das Leben. (. . .) Genuss bietet eine Stärkung des Lebenswillens." Künstler müssen Athleten sein, den Wurf hin zu den Gefühlen ihrer Adressaten schaffen. Heute ist das zugleich schwerer, aber auch fairer als zu Zeiten des Balletts und des bürgerlichen Dramas. Ehedem warfen sich Akteure ihre Rollen über und gingen in ihnen auf.

Der Körper kämpft

Heute dagegen werfen sie ihre Körper, um Pasolini zu paraphrasieren, "in den Kampf". Die Kämpfer in dieser Gefühlsathletik tragen keine Kaiserkleider, sondern Fragen und Thesen. Das macht sie im doppelten Sinn angreifbarer. Wie den deutschen Choreografen Raimund Hoghe, dessen Motto das erwähnte Pasolini-Wort ist. Der Protagonist in dem Tanzquartier-Themenschwerpunkt Gefühlsathletik - Über Emotionen in zeitgenössischem Tanz und Performance zeigt seine Version von Sacre - The Rite of Spring, die Spitze einer beachtlichen Pyramide von Interpretationen. Die Sacre-Version des Ballett-Avantgardisten Vaclav Nijinsky brachte vor 91 Jahren die Emotionen an den Siedepunkt. Hoghe umgeht alle Provokation und bricht die Wogen der aufwühlenden Musik an zwei Körpern, die einen Initiationsritus zelebrieren.

Der schwedische Tänzer und Theoretiker Mårten Spångberg taucht in den Gefühlswelten der Reanimation. In der diskursiven Hülle von Steve Paxton tanzt er, Powered by Emotions, zu Bachs Goldberg Variationen, und im Kleid des Sängers stimmt er Weisen des Buena Vista Social Club an. Als mäßiger Tänzer und Sänger macht er sich in seiner coolen Leidenschaftlichkeit meisterhaft verwundbar.

Es tropft ins Aug'

Diese Verletzlichkeit ist immer wieder auch Methode der Wiener Performerin Barbara Kraus, die mit Yes Sir, I can do it in die Geschichte einer Frau eintaucht, die unbemerkt in ihrer Wohnung verstorben ist. "Sechs Wochen nach ihrem Tod macht sie auf sich aufmerksam. Sie tropft einem Nachbarn durch den Deckenluster ins Aug'." Kraus tanzt in der Dunkelkammer der Angst und entwickelt Bilder vom Tod. Auch die italienische Gruppe Kinkaleri bringt das Sterben ans Licht. In ihrer Videoinstallation und dem Live-Act West lassen sich Menschen in Simulation ihres öffentlichen Todes fallen.

Der Tod ist ein Nomade. Kinkaleri leitet ihn u. a. von Amsterdam nach Brüssel, Rom und Wien. Im Betrachter der Kollabierenden steht die Zeit für einen Augenblick still. Ebenso für die Zeugen eines Radioballetts des deutschen Kollektivs Ligna bei dessen Intervention Wir brechen das Glas. Ligna zielt auf den Tod der Normalität - durch Regelbrüche im öffentlichen Raum. Wie Kinkaleri arbeitet auch Ligna mit freiwilligen Teilnehmern. Und weil Wir brechen das Glas ein so genanntes Radioballett ist, sind die Akteure mit tragbaren Empfängern ausgestattet und erhalten über Radio Orange (94,0 MHz) Handlungsanweisungen. Eine Unterbrechung des Straßenalltags ist auch das Programm des italienischen Straßenkünstlers Marcel - in Wien allerdings transponiert in den Fürstenhof des Museumsquartiers und ein Studio des TQW. Marcel lässt bunte Puppen tanzen, die von herzzerreißender Liebe und Hinscheiden erzählen.

Mit den Gefühlsqualitäten einer Ballnacht lockt das Kollektiv She She Pop, das in Warum tanzt ihr nicht? nicht Puppen, sondern das Publikum zum Tanz auffordert. Es ist ein Spiel mit den Erwartungen, Lüsten und Enttäuschungen in den Abhaltungen des Gesellschaftstanzes, jeder kann mittanzen oder auch nur zusehen, es gibt eine (riskante?) Tanzfläche und eine (sichere?) Video-Lounge. Die belgische Gruppe Victoria treibt es noch bunter, allerdings ohne Publikumsbeteiligung. In White Star veranstaltet sie einen wahren Zirkus um die Figur des Deutschen Lothar Berfelde, besser bekannt als Charlotte von Mahlsdorf - ein chaotisches Getriebe um gemischte Geschlechter, Geschichten und Gefühle.

Was bleibt?

Die Lesbarkeit von Emotionen ist ein wesentlicher Faktor in Milli Bitterlis jüngster Arbeit Was bleibt von mir? Teil 5. Mit ihrer Tänzerin Ingrid Reisetbauer mischt Bitterli Gegenwärtigkeit und Gewesenes, Erregung und Bewegung, Privatheit und Publikation. "Ich habe gefragt, welche Zugangsweisen zur Emotion es heute nach einer stark konzeptuellen Phase in der Choreografie gibt", sagt TQW-Intendantin Sigrid Gareis. Ihre "Athleten des Herzens" geben vielstimmig Antwort. (SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • Tanzen, toll sein, das Leben genießen - das abenteuerliche Performancekollektiv She She Pop nimmt bei der Olympiade der Emotionsdiskurse kräftig Anlauf.
    foto: malzkorn

    Tanzen, toll sein, das Leben genießen - das abenteuerliche Performancekollektiv She She Pop nimmt bei der Olympiade der Emotionsdiskurse kräftig Anlauf.

Share if you care.