Tönendes Universum als Klangwolke: Mahlers Achte zum Brucknerfest-Auftakt

17. September 2004, 21:54
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Mit der 8. Sinfonie setzte Bruckner gewissermaßen einen Schlusspunkt hinter das jahrelange Ringen um (christliche) Akzeptanz

Linz - "Am Anfang tat ich mir schwer, aber dann bin ich abgehoben ins All . . ." Diese Stimme einer Besucherin mit eben erlebten Gänsehaut-Schauern hätte Gustav Mahler als ganz selbstverständlich hingenommen. Schrieb er doch selbst an Willem Mengelberg, er solle an das klingende und tönende Universum denken, an Planeten und Sonnen, nicht an Irdisches.

Mit der 8. Sinfonie setzte er gewissermaßen einen Schlusspunkt hinter das jahrelange Ringen um (christliche) Akzeptanz, denn auch nach der Taufe 1897 war er in Wien ständig antisemitischen und anderen Kampagnen ausgesetzt. Seht her, so tönt es in der Sinfonie der Tausend, hymnischer lässt sich kein sakrales Universum bejubeln.

Mit dem hypertrophen, auch wegen des gewaltigen Personalaufwandes selten gespielten Werk wurde das Linzer Brucknerfest eröffnet. Gleichzeitig fungierte es als "klassische Klangwolke", was angesichts der geballten Massen an Tönen, die in den regenverhangenen Donaupark ausstrahlten, dem Namen "Wolke" alle Ehre machte. Zugleich aber auch kritische Stimmen laut werden ließ, ob das nicht ein bisschen viel für einen abendlichen Picknickausflug sei, auch wenn dieser durchaus kontemplativ verlaufen könne. Ob draußen im Regen oder drinnen im Saal - wie immer stellte sich die Frage: Kann man dieses Riesending wörtlich nehmen?

Die Textur lässt diesbezüglich einiges zu. Dennis Russell Davies nahm die Symphonie jedenfalls sehr ernst. Er versuchte, die spirituelle Botschaft mit allen Mitteln der Verdichtung, der Transparenz und auch des Sentiments über die Rampe bzw. die Kanäle zu bringen. Er verlangsamte die Tempi zuweilen bis an die Grenze des Singbaren und trieb im Veni, creator spiritus die expressive Dramatik ebenfalls bis an die Grenzen dessen, was gerade noch differenziert aufnehmbar ist.

Mit dem auftrumpfenden Brucknerorchester, den homogenen philharmonischen Chören aus Prag und Bratislava und dem Kinderchor des Ungarischen Rundfunks standen ihm dafür ausgezeichnete Klangkörper zur Verfügung. Das Solistenoktett war nicht in allen Positionen optimal besetzt. Am Ende erschöpfter, aber lang anhaltender Jubel im Brucknerhaus. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

Von
Reinhard Kannonier

"Kunst ist kein Luxus" Eröffnungreden zum diesjährigen Brucknerfest
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