Bild-Erfinder mit Aliens im Gepäck

26. Dezember 2004, 22:21
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Gespräch mit Roland Schimmelpfennig - Dramatiker der Stunde - über dessen Stücke

Wien - Wer sich der lustvollen Mühsal unterzieht, mit Roland Schimmelpfennig über dessen Stücke zu sprechen, fühlt sich zunächst wie ein Laie, der einen Uhrmacher um die Preisgabe sorgsam gehüteter Berufsgeheimnisse bittet. Schimmelpfennig (37), in Göttingen geboren und seit einiger Zeit in Berlin wohnend, wo er ohne Begeisterung als Dramaturg an der Schaubühne in Lohn und Brot stand, ist ein geduldiger Fachmann.

Er hat die letzten Modernitätsschübe in den theateranhängigen Schreibwerkstätten problemlos überstanden. Er hat so ziemlich das Gegenteil von allen anderen gemacht: Die setzten angelsächsisch abgewetzte Modernitätsverlierer vor die zusehends leerer werdenden Kühlschränke, aus deren verwaisten Fächern ihnen ein konkret nicht festzumachender Weltüberdruss wie Schimmel entgegen flog.

Schimmelpfennig, der an der Münchner Falckenberg-Schule das szenische Handwerk erlernte, bei Dieter Dorn assistierte und zeitweise in Istanbul Reportagen schrieb, kennt diesen Überdruss augenscheinlich nicht. Er sucht die Stoffe für Stücke nicht - sie suchen ihn eher heim. "Ich könnte nicht sagen: Diesen oder jenen Einfall hab' ich jetzt aus dem Kino", erklärt er.

Zumeist erfinde er eine Situation. Dann könne es sein, dass die Plots zunächst gut abliegen müssen. Er habe "das Klima, die Farbe" zu einem Stück recht bald im Kopf. Dann könne es passieren, dass ihn der (schreiberische) Mutwille reite: "Ich suche Stoffe, die schnell von null auf hundertachtzig beschleunigen. Mir liegt daran, Stoffe in eine Eskalation hineinzutreiben." Dadurch betreibe ein ruhiger Mensch wie er übrigens Aggressionsabbau. In den Theaterstücken Schimmelpfennigs deklamieren nicht einfach ein paar Figuren dasjenige, was ihnen ein einfühlsamer Autor in den Mund legt - sondern sie erklären (häufig) die szeni- sche Versuchsanordnung, indem sie sie beschreiben.

Die Bilder dieser auf 16 Stücke angeschwollenen Rätselwelt sind kalt, klirrend und alltäglich-absurd. Man verliert sich in ihnen - wie jener Mann in Vorher/Nachher, der in den Farbdruck einer Flusslandschaft hineinsteigt wie in einen Einbaukasten, um im "Jenseits" dieser Bild-Erfindung eine industrielle Revolution auszulösen.

Lachhaft und absurd

In der auf die wüste Lachhaftigkeitsspitze getriebenen Kriegsfantasie Für eine bessere Welt, vergangenen Herbst in Zürich uraufgeführt, ersinnen sich Dschungelguerillas eine immer aufs Neue belichtete Unterweltflusslandschaft. Sie spinnen sich ihren Regenwald so lange aus, bis die Multifunktionskrieger auf Persephone treffen. Oder, im Ton der Hollywood-Fiktionsschmieden, vom gefahrvollen Beischlaf mit menschenfressenden Aliens erzählen. Schimmelpfennig baut weiter an seinen merkwürdigen Gebilden, von denen Die arabische Nacht und Push Up 1-3 auch schon in Wien zu sehen waren. Seine bisherigen Werke sind als Fischer-Taschenbuch auf mehr als 600 Seiten nachzulesen: eine heilsame Lektüre für ermüdete Dramaturgien. Er selbst schreibt weiter - wie denn auch nicht? Und inszeniert 2005/06 am Bochumer Schauspiel einen Klassiker. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

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Schimmelpfennigs vieldeutiges Theaterstück "Die Frau von früher" wurde im Wiener Akademietheater von Regisseur Stephan Müller aus der Taufe gehoben
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    Roland Schimmelpfennig: szenische Fantasien zum Weltgeschehen.

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