Rachegöttin im Zoo der Streicheltiere

13. September 2004, 19:01
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Schimmelpfennigs vieldeutiges Theaterstück "Die Frau von früher" wurde im Wiener Akademietheater von Regisseur Stephan Müller aus der Taufe gehoben

Das brillante Spiel über das Zerbrechen "gemütlicher" Verhältnisse vertrüge mehr Entschiedenheit.


Wien - Die gerade der Duschtasse entstiegene Musterhausfrau (Regina Fritsch) hat während ihrer Nasszellenerquickung draußen im Flur der wegen Übersiedlung aufzulösenden Kleinfamilienwohnung Stimmen gehört. Weswegen sie jetzt, eingeschlagen in ein Badetuch, ihren vom Ehealltag sacht sedierten Gemahl Frank (Markus Hering) im angespitzten Seitensprungverhörton fragt, ob er sie ebenfalls gehört habe.

Der angegraute, schwindelig beschämte Mittvierziger verneint: schenkelkratzend, sich in die nächstbesten Ausflüchte hineinbegebend wie in einen mobilen Unterstand. Daraufhin reißt die Gewitzigte die Wohnungstür auf, vor der eine rot gelockte Dame im Regenmantel (Christiane von Poelnitz) ein aufschnaubendes Glückslächeln aufgesetzt hat.

"Romy Vogtländer" bockt und stampft wie eine paarungswillige Kentaurin. Sie bildete irgendwann einmal, in grauer Vorzeit, mit Frank ein auf Ewigkeitsversprechen gegründetes Halbwüchsigenliebespaar. Nun begehrt sie Einlass in das transportable Holzverlies. Noch genauer: Der melierte Softie soll in Roland Schimmelpfennigs bedrohlicher Boulevardzerlegung Die Frau von früher rund 20 abgebüßte Ehejahre für null und nichtig erklären.

Er soll sich ein Herz fassen - für sie. Weil sich aber niemand so einfach ein Herz fasst, sondern bloß Entschließungen vorbringt, füllt Schimmelpfennig, ein Feinmechaniker unter den Szenenmonteuren, die einzelnen Szenenteile in nächst kleinere Verschubkisten um. Er teilt ab und doppelt nach. Er stückelt vorne an und kippt hinten weg, um im Wiederholdurchlauf den Sinngehalt der Figurenreden frisch abzuschmecken. Lügen: Auf ihren schlierigen Spuren kippen die Figuren, Mann, Frau, Kind, dessen Freundin und das undurchdringliche Kindweib "Romy" in ein schlackenschwarzes Nichts hinunter. Man darf ruhig "Hölle" dazu sagen.

Klappen ins Nichts

Die Rückwand des von Bühnenarbeitern nach vorne aufgerissenen Transportcontainers besteht aus nichts als Türen - Fluchtklappen, die in das schiefergraue Niemandsland vor der aschgrauen Feuerwand des Wiener Akademietheaters hinausführen (Bühne: Katrin Brack).

Es sind überlebensgroße Stalltüren für Streicheltiere: Das in Auflösung begriffene Eigenheim übersteht den Ansturm von "Romy Vogtländer" absehbar nicht. Es besitzt aber auch Sickerlöcher. Denn während aus der Familienschachtel merkbar der Frustrationsdampf einer ausdauernden Ehezermürbung entweicht, gewährt der Klotz an unvermuteten Stellen Möglichkeiten aggressiver Infiltration.

"Romy Vogtländer", von der man nicht weiß, ob sie eine der großen Zaubergestalten im Gefolge von Botho Strauß ist - eine Medea auch im Trenchcoat: eine Verführerin, das personifizierte Verhängnis -, reißt den 19-jährigen Sohn (Philipp Hauß) an sich: mit sich mit in ihren zauberhaften Wahn, unter ihren Mantel. Er büßt sein schlaksiges Kokettieren mit dem Leben.

Nur ist in Stephan Mül- lers leidlich braver Uraufführungsinszenierung von Schimmelpfennigs schillernder Studie über das Kollabieren "vernünftiger" Verhältnisse ein unangenehm gemütlicher Ton die leider gängige Verhandlungsmasse. Ein vom Frustschlucken ganz unmäßig aufgefettetes Parlando, das sich mehr am Türenschlagen ergötzt, am Ehekomödienunrat - wo doch Schimmelpfennig schon Furcht und Mitleid im erkalteten Blick hat. Ein ganz famoses Stück des wahrscheinlich zurzeit begabtesten Dramatikers deutscher Zunge. Es lassen sich aufregendere Folgeinszenierungen immerhin denken. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

Von
Ronald Pohl

Bild-Erfinder mit Aliens im Gepäck
Gespräch mit Roland Schimmelpfennig - Dramatiker der Stunde - über dessen Stücke
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    Der Sohn des begehrten Mannes büßt sein Kokettieren als jugendlicher Seiteneinspringer mit dem Leben: Romy (Christiane von Poelnitz) erdrosselt Andi (Philipp Hauß).

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