"Unterm Schah wäre ich nicht hier gesessen"

15. September 2004, 11:25
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Friedensnobel­preis­trägerin Shirin Ebadi vertraut auf den Reformwillen der Iraner

Wien - "Wenn ich hier sagen würde, ich habe noch nie Angst gehabt, dann wäre das gelogen." Angst, das ist etwas wie Hunger, das begegnet einem eben. Aber das Leben damit, so die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi im Gespräch mit STANDARD und Presse, habe sie gelehrt, wie man lebt, ohne von ihr beherrscht zu werden. Sie habe Morddrohungen erhalten, erzählt sie am Schluss des Interviews, und in der letzten Zeit sei zweimal das Sicherheitsschloss ihrer Wohnung aufgebrochen worden: Eine Botschaft, dass man sie überall erreichen kann.

Shirin Ebadi, 57, eine kleine, sehr ernste Frau mit kurzem Haar - Kopftuch trägt sie im Iran, weil es dort Gesetz ist, außerhalb nicht - neigt gewiss nicht zu Übertreibungen. Pragmatisch stellt sie fest: Ja, die Frauenrechte seien unter dem Schah im Iran etablierter als jetzt gewesen. Aber dafür gab es weniger politische Freiheiten als jetzt, für alle: "Während der Schah-Zeit hätte ich nicht hier mit Ihnen sitzen und die Regierung in Teheran kritisieren können."

Und das tut sie mit großer Offenheit: Seit den Parlamentswahlen im Februar habe sich die Lage wieder verschärft, so werden etwa die Kleiderordnungsgesetze für Frauen wieder mehr kontrolliert. Aber, glaubt Ebadi, auch die jetzt die Politik dominierenden Konservativen werden dem Reformdruck auf Dauer nicht widerstehen, der vom Großteil der iranischen Bevölkerung kommt.

Auf Spekulationen, wer nach Mohammed Khatami im nächsten Jahr iranischer Präsident wird, will sie nicht eingehen, nur so viel: Die Kandidatur muss frei sein, nicht wie bei den Parlamentswahlen im Februar, als fast alle reformorientierten Kandidaten gesperrt wurden. An diesem Punkt muss man sie natürlich fragen, ob sie je selbst an eine Kandidatur gedacht hat: Nie, sagt Ebadi, eine politische Funktion komme für sie nicht in Frage. Sie müsse weiter jene Menschen vertreten, die sie brauchen.

Neues Sorgerecht

Über ihre Arbeit als Juristin spricht Ebadi am allerliebsten. Dass der ihr verliehene Nobelpreis den iranischen Frauen etwas gebracht hat, kann sie nicht sagen. Eine Gesetzesveränderung jedoch haben sie und andere, die darum zwanzig Jahre lang gekämpft haben, danach erreicht: ein neues Sorgerecht. Ging früher bei Buben mit zwei und bei Mädchen mit sieben Jahren das Sorgerecht automatisch auf den Vater über, so wurde die Altersgrenze bei Buben jetzt ebenfalls auf sieben angehoben - und danach entscheidet das Gericht, was besser für die Kinder ist. Seitdem, so Ebadi, wurden viele Kinder ihren Müttern zugesprochen.

Das vom letzten Parlament verabschiedete Gleichberechtigungsgesetz von Mann und Frau, das jedoch vom Wächterrat beeinsprucht - sprich gekillt - wurde, hat das neue Parlament ad acta gelegt. Und zwar auch mit den Stimmen der Parlamentarierinnen: Es sitzt zwar nur um eine Frau weniger - zwölf - im neuen Parlament, aber eben niemand mehr aus der Riege der reformorientierten Frauen, die früher eine wichtige Rolle im iranischen Parlamentarismus spielten.

"Der Beste, aber..."

Ebadi hat einmal - aus Höflichkeit, wie sie selbst sagt - auf eine entsprechende Journalistenfrage geantwortet, dass sie selbst Präsident Mohammed Khatami den Nobelpreis verliehen hätte. Sie hält ihn noch immer für den "besten Präsidenten, den wir je gehabt haben", aber sie macht ihm auch Vorwürfe: Die Stärke, die ihm 22 Millionen Wählerstimmen verliehen hätten, habe er nicht ausgenützt. Besonders im vorigen Februar hätte er nicht die Parlamentswahlen, die er selbst als nicht frei bezeichnet hatte, dann doch akzeptieren dürfen.

Ob sie sich selbst als eine Art Vorbild für die islamischen Frauen fühle? Nein, sagt Ebadi, sie sei nicht einmal ein Vorbild für ihre beiden Töchter. "Die Situation, die Möglichkeiten eines jeden Menschen sind anders." Dass sie im Ausland immer sofort nach ihrem Selbstverständnis als muslimische Frau gefragt wird - nur Muslime und Musliminnen werden ja immer sofort nach der Religion eingeordnet - macht ihr nichts aus, sagt sie: Ihre Identität sei eine Tatsache und Ehre. Auf die Nerven gehe ihr lediglich das falsche und oberflächliche Islam-Verständnis im Westen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

von Gudrun Harrer
  • Shirin Ebadi, Nobelpreisträgerin
    foto: standard/cremer

    Shirin Ebadi, Nobelpreisträgerin

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