"Überall sonst müsste die Regierung zurücktreten"

15. September 2004, 18:01
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Kaum jemand in der russischen Kunstszene ist verwundert, wie sich der Krieg zwischen Staat und Terror aufschaukelt

Kaum jemand in der russischen Kunstszene ist verwundert, wie sich der Krieg zwischen Staat und Terror aufschaukelt. Der Kreml lügt, kritisieren Schriftsteller. Die Wurzeln des Terrors sehen sie in der Unfähigkeit, das Tschetschenien-Problem politisch zu lösen.

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Nur vereinzelt und kaum dezidiert hat die Kunst ihre Stimme zum Krieg in Tschetschenien erhoben. Dass der Poet Jewgeni Jewtuschenko Mitte der 90er-Jahre aufgrund des Kaukasuskrieges den Orden der Völkerfreundschaft aus den Händen Präsident Jelzins ablehnte, hob sich als ziemlich einsames Statement ab. Angesichts der jüngsten Terrorserie, inbesondre des Geiseldramas im nordossetischen Beslan, finden die Schriftsteller deutlichere Worte.

"Ich wundere mich ja schon gar nicht mehr über die Lügen, in denen sich der Stadt in solchen Situationen ergeht", sagt der Sowjetdissident und Romanautor Wladimir Woinowitsch im Gespräch mit dem STANDARD. Da sei allein dieses erbärmliche Spiel mit der Zahl der Geiseln - zuerst genau 354, dann über tausend: "Ich kann nicht glauben, dass sie es nicht sofort annähernd wussten." Mittlerweile falle einem sogar schwer, das zu glauben, was einem selbst wahrscheinlich vorkomme. Der Autor der russischen Variante des Schwejk sieht keinen Anlass für Optimismus: "Es ist diese unausrottbare Gewohnheit, zu lügen, die mich nichts Gutes hoffen lässt."

Pessimistisch auch das schriftstellerische Nachwuchstalent Sergej Schargunow: "Der Kreml hat die ganze Lügenpropaganda schon seit Kriegsbeginn für die einfachen Bürger erfunden. Wenn wir uns vom primitiven Chauvinismus nicht lossagen, haben wir weitere Erschütterungen zu erwarten." "Schweren Herzens muss man heute Freiheit für Tschetschenien fordern", meint Schargunow im Interview. Er ist alles andere als ein Anhänger des Separatismus, bedauert den postsowjetischen Verlust der südkaukasischen Republiken.

Aber: "Der strategielose Kreml führt einen sinnlosen Krieg, der zu einem Genozid gegen die tschetschenische Bevölkerung wurde." Eine Lösung sieht Schargunow, den das jugendliche Alter der Terroristen bestürzt, nur in einem Machtwechsel im Kreml.

"Plump und unfähig" In jedem anderen Land hätte die Regierung nach einer Tragödie wie in Beslan den Rücktritt erklären müssen, nur nicht in Russland, konstatiert Ljudmila Ulitzkaja, Autorin des Romans Die Lügen der Frauen, gegenüber der Zeitung Nesavisimaja Gaseta (NG). Dass im Nordkaukasus ein Bürgerkrieg drohe, wie Ulitzkaja meint, verdanke sich der "Plumpheit, Dummheit und Unfähigkeit unserer Staatsleitung". Dieser sind in Wahrheit die nationalen Interessen egal, argwöhnt Schargunow. Andernfalls würde sie andere Lösungsansätze als die derzeitige gewaltsame Nichtlösung in Betracht ziehen.

An Gesprächen zwischen der Regierung in Grosny, dem Rebellen Maschadow und Russland führt kein Weg vorbei, meint etwa der linksnationalistische Schriftsteller und Chef der Nationalbolschewistischen Partei, Eduard Limonow gegenüber der NG. Stattdessen würde sich der Kreml aber feig hinter den Geiseln verschanzen: "Sie werden immer lügen und werden es immer vorziehen, sich hinter den Körpern von Kindern zu verstecken", lautet Limonows Radikaldiagnose.

Dass sich die Staatsführung nicht vor die Kulissen traue, merkt auch Schargunow an. Seines Erachtens versteckt sie sich hinter den Bürgern, die sie mit Transparenten des Typs "Lasst uns in Ruhe, verehrte Terroristen" auf die Straße zwingt. Schargunow, dessen nächster Roman den Tschetschenien-Konflikt und die Terrorproblematik aufgreift, appelliert an die Literatur, die sich den jetzigen Herausforderungen glaubwürdig, sozial und politisch engagiert stellen müsse.

Anders als seine Kollegen nimmt der ultranationalistische Schreiber Alexander Prochanow, der das rechte Blatt Sawtra ("Morgen") herausgibt, Präsident Putin in Schutz und geißelt die Liberalen, dass sie politisches Kleingeld aus der Tragödie schlagen. Putin habe zur nationalen Einigung aufgerufen und wolle den Staat über alles stellen, "und da wäre ich erstmals bereit, ihn zu unterstützen". (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

Eduard Steiner aus Moskau

Vorschau

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew (zuletzt: "Der gute Stalin") wird im Rahmen der Reihe "Globalisierung und Gewalt" im Wiener Volkstheater am 10. Oktober (um 11 Uhr) mit STANDARD- Kulturressortleiter Claus Philipp über die Lage nach Beslan diskutieren.

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    In die Trauer nach dem Geiseldrama von Beslan mischt sich zunehmend Kritik aus intellektuellen Kreisen.

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