Das Wörtchen "Wir" mit Vorsicht genießen

26. Oktober 2004, 21:41
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Das Depot beleuchtet gemeinsam mit zehn AutorInnen die in rot-weiß-roten Identitäts­kampagnen oft be­schworene "gemeinsame Kultur"

Als hätte das Depot die aktuelle Diskussion um den "Austrokoffer", der in einer "patriotischen Parallelaktion" österreichische AutorInnen zu einem unfreiwilligen "Wir" einer österreichischen Literatur-Anthologie zusammenpacken will, schon in der Planung der aktuellen Veranstaltungsreiche "Unsere gemeinsame Kultur" geahnt.

Rot-weiß-rote Identitätskampagnen und Wir-Parolen

Nennings Werbesprüche rund um sein Buchprojekt - "Das kleine Österreich ist eine kulturelle Großmacht" - sind aber nur ein Symptom unter vielen, welche die Vorbereitungen aufs Jubeljahr 2005 prägen. Zu den Feiern von 50 Jahren Staatsvertrag, 60 Jahre Kriegsende und Zweite Republik werden Identitätskampagnen angekurbelt, "die uns eine gemeinsame nationale Kultur weismachen, als wäre Kultur etwas Nationales", so das Depot. Diese rot-weiß-roten "Wir"-Parolen (und das eigene 10-Jahr Jubiläum) nimmt die kleine Institution zum Anlass, sich kritisch mit dieser "konstruierten Identität" auseinanderzusetzen.

Vereinnahmungen und Ausschlüsse

Unter dem Titel "Unsere gemeinsame Kultur" sind zehn AutorInnen (Teilnehmer und Termine, siehe links) geladen, die an drei Abenden (15./16.9 und 26.10) über die Gefahren nationaler Vereinnahmungen und Ausschlüsse sowie eingeforderte Loyalität in politischen wie ökonomischen Fragen sprechen.

Diskussion statt Selbstbeweihräucherungen

Das Depot wäre nicht das Depot würde es das eigene Jubiläum nicht diskursiv begehen, sondern mit "Selbstbeweihräucherungen", so Sprecher Wolfgang Zinggl, der seit dem Sommer für die Grünen im Parlament sitzt und daher seine Aufgaben an Eva Brückner abgibt. Allen Widrigkeiten zum Trotz gab und gibt man sich zäh. Immer wieder hatte das Depot mit Subventionskürzungen zu kämpfen und konnte der endgültigen Schließung nur mit freiwilliger Selbstausbeutung der MitarbeiterInnen, Honorarverzicht der ReferentInnen, Programmkürzungen oder Solidaritätsverantstaltungen (2003 gestalteten 45 Institutionen das Programm, um das Depot weiter offen zu halten) abgewendet werden.

10 Jahre und kein bisschen leise

Man verstehe sich als zivilgesellschaftlicher Raum, wo über alle möglichen kulturpolitischen Themen Diskussionen geführt werden können. "Diese Art von Diskussionen will die schwarzblaue Kulturpolitik nicht", resümiert Geschäftsführerin Brückner, die - nachdem der Bund für 2005 die weitere Förderung schon negiert hat - auf weitere Subventionen durch die Stadt Wien hofft. Das Depot will weiter machen, denn es "sei unerlässlich für eine Demokratie, dass viele verschieden Perspektiven zu Wort kommen." (kafe)

  • DepotWien 7, Breitegasse 301 / 522 76 13
    foto: anne katrin feßler

    Depot
    Wien 7, Breitegasse 3
    01 / 522 76 13

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    Mi., 15.9.2004, 19 Uhr:
    Marlene Streeruwitz (li.), Christine Nöstlinger (Mi.), Franzobel (re.) und Sabine Scholl

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    Do., 16.9.2004, 19 Uhr:
    Robert Schindel und Robert Menasse (Foto) sowie Antonio Fian und Petra Ganglbauer

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    Di., 26.10.2004, 19 Uhr:
    Thomas Macho und Franz Schuh (Foto)

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