Die Jubelsportlerstereotypien

19. September 2004, 14:30
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SPÖ-Sportsprecherin Schasching will mehr langfristiges Planen in der Förderpolitik

Die "Erfolgsbilanz" (ÖOC-Präsident Leo Wallner) der Sommerspiele soll die Strukturdebatte und Fördermittel-Umverteilungsdiskussion ankicken. Bilanzen können ja täuschen, auch wenn sie nicht extra zu diesem Zweck angefertigt wurden. Sieben Medaillen bei den Spielen in Athen und vier Punkte in zwei WM-Qualifikationsspielen machen den oberflächlichen Beobachter glauben, in Österreichs Sport sei der Erfolg der Vater des Gedankens. Mitnichten, wie SPÖ-Sportsprecherin Beate Schasching meint.

"Ich will diese doppelbödigen, unmoralischen, stereotypen, blöden, hohlen Gratulationen der Politiker nach Erfolgen bei den Sommerspielen nicht mehr sehen. Was tragen sie denn zu den Erfolgen der Sportler bei außer leere Worte?" Die spezielle Olympiaforderung. Schasching: "Gut: Es ist ja nicht alles schlecht, was der Herr Sportstaatssekretär Schweitzer macht. Aber die großen Probleme werden nicht angegangen."

Vor wenigen Tagen erhielt die Abordnung der Bundes-Sportorganisation (BSO) nach vielen Monaten des Wartens einen Termin beim "eigentlichen Sportminister" (Schasching), nämlich Kanzler Wolfgang Schüssel. Schasching: "Was hat er zugesagt, eine Fördererhöhung, ein Berufssportgesetz, den Wegfall der Deckelung? Nichts. Außer dass das neue Bundessportfördergesetz unbefristet gelten wird. Ob das ein Erfolg ist? Jetzt ist die Verhandlungschance für eine eventuelle Erhöhung für immer weg."

Zentrale Förderbörse

Österreichs Sport lebt von der Hand in den Mund. Schasching: "Es gibt genug Geld, aber ein Sportler muss es zu finden wissen, in den Töpfen der Gemeinden, der Regionen, der Länder, des Bundes und der Sporthilfe." Und was ist, wenn ein Talent keine Zeit und kein Geschick im Antichambrieren, Sponsorkeilen und Beamtenbeschwatzen besitzt? Schasching: "Da könnte ich mir eine zentrale Förderbörse vorstellen, eine Vereinfachung und Vereinheitlichung, wie wir sie auch im Sozialbereich brauchen und anstreben."

Das Berufssportgesetz sollte nach einem parlamentarischen Vierparteienantrag im April im Begutachtungsstadium sein. Ein halbes Jahr später ist Schweitzer beleidigt, weil die BSO sein Papier ablehnt. Die BSO wiederum hat sich für ihr Papier ablehnende Bescheide des Verfassungsdienstes und des Arbeitsministeriums eingefangen. Denn der BSO-Vorschlag schert alle Berufssportler über den Kamm des Freiberuflers. Auch die bei Vereinen angestellten Mannschaftssportler wie Fußballer und Handballer.

Schasching: "Das ist für mich kein Dogma. Wenn die Fußballer eine Sonderregelung brauchen, bitte. Aber für alle anderen Spitzensportler ist der Status des Freiberuflers besser." Was fehle, sei der Problemlösungswille und die Grundsatzdiskussion: "Wo kommt der österreichische Sport her, was ist wer, wo will er hin?" Schweitzer will die "Gießkanne", die paritätische Förderung aller 54 in der BSO beheimateten Sportverbände, abschaffen. Schasching hält das für "ganz kurzsichtig. Was wäre, wenn wir vor 20 Jahren Sportarten ausgehungert hätten, die bei Olympia nicht medaillenträchtig waren, aber heute Siegertypen haben?"

In der Sportpolitik sei die intellektuelle Lähmung eingekehrt, der Schulsport verfällt, damit die Talentebasis und die Grundlage der Volksgesundheit. Schasching: "Wir wissen, dass 60 Prozent der Österreicher eher bewegungsfaul sind. Und ein Euro in den Sport investiert, bringt zwei Euro im Gesundheitssystem. Das wissen wir, das hat alles keine Folgen. Da kann ich mich als Unterrichtsministerin auch nicht auf die Schulautonomie ausreden."

Schulsport schrumpft

Schasching spielt darauf an, dass im April in der provisorischen Lehrfächerverteilung die Gesamtzahl der Bewegungseinheiten in den Schulen wieder zurückgegangen sei. Im Gegenzug hat die schwarz-blaue Regierung die Schule für private Investoren und Sponsoren geöffnet. Schasching: "Der Einfluss des Staates sinkt, das ist ein ideologisches Problem - ich hoffe, die Eltern suchen sich nicht unbedingt eine Schule aus, in der McDonald's wirbt." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 13. September 2004, Johann Skocek)

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