Kopf des Tages: Mike Leigh, Konstruktivist unscheinbarer Momente

12. September 2004, 20:27
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"All or Nothing" hieß sein vorletzte Film, "Bleak Moments" - Trostlose Momente - sein allererster

"All or Nothing" hieß der vorletzte Film von Mike Leigh, "Bleak Moments" - Trostlose Momente - sein allererster. Beide Titel gelten für sein Gesamtwerk, in dem es für die Figuren - lebensechte Menschen, oft aus der (immer mehr verschwindenden) Arbeiterklasse - um alles geht, wenn sie vor dem Nichts stehen. Das, was dazwischen liegt, Szenen, in denen sich das Leben in all seiner widersprüchlichen Intensität vollzieht, zeigen seine Filme: Trostlos sind sie deshalb noch lange nicht.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Ken Loach wird Leigh, 1943 in Salford geboren, gerne als Repräsentant des britischen Sozialrealismus bezeichnet. Im Unterschied zum deklarierten Sozialisten Loach, der seinen politischen Anspruch oft direkter umzusetzen sucht, ist Leigh ein Regisseur, der an der Wirklichkeit als Material ansetzt. In intensiven Probenprozessen mit Schauspielern, einer Methode, die er am Theater entwickelt hat, formt er seine Plots. "Kein anderer hat so viele langweilige Improvisationen gesehen wie ich", bemerkte er dazu einmal scherzhaft.

Leighs Karriere fand nicht immer im Kino statt. Nach "Bleak Moments" wechselte er zum Theater und Fernsehen, was wiederum belegt, wie stark die realistische Tradition in England verankert ist - Ähnliches wäre im ORF undenkbar. Erst 1988 kehrte Leigh zum Spielfilm zurück, sein endgültiger Durchbruch kam mit "Naked" (1993), bis heute wohl sein schwärzester Film - fast schon eine Parabel auf Thatcher-England, in dem er seinen konzentrierten Blick auf Lebenswelten ins Naturalistische wendete. "Naked" wie auch das Familiendrama "Secrets and Lies" (1996) wurden in Cannes ausgezeichnet.

Dass sein neuer Film "Vera Drake" ebendort abgelehnt wurde, kommentierte Leigh in Venedig, wo er nun umso euphorischer den Goldenen Löwen entgegennahm, nur lapidar: Er wisse, wie gut der Film ist. Nach dem Kostümfilm Topsy-Turvy (1999) ist das Drama um eine Frau, die in den 50er-Jahren illegale Abtreibungen vornimmt, erst der zweite Film des Briten, der nicht in der Gegenwart spielt.

Trotz des soziopolitischen Anspruchs seiner Filme äußert sich Leigh nur spärlich zu tagespolitischen Themen: Über das Abdriften der Labour Party nach rechts, über Tony Blairs absolute Treue zu George W. Bush während des Irakkriegs zeigte er sich jedoch schon öfters enttäuscht.

Seine Arbeiten will Leigh, dessen Wurzeln im russischen Judentum liegen, eher in einem universellen Sinn verstanden wissen - menschliche Beziehungen und familiäre Bindungen sind ihm wichtiger als institutionelle Zwänge. Dass die konkrete Realität in seinen Filmen dennoch immer durchscheint, verdankt sich der Akribie, mit der er vorgeht: Trotz aller bleierner Verhältnisse ist Leigh ein Konstruktivist geblieben. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.9.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
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