Wiener Städtische trennt sich von Porr, Semperit und HypoVereinsbank

20. September 2004, 17:08
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Bis 2006 will der Wiener Versicherungs­konzern wieder der größte heimische Versicherer sein

Die Wiener Städtische Versicherung ändert ihre Beteiligungspolitik radikal und reduziert größere Einzelinvestments an börsenotierten Gesellschaften.

So wird der Anteil an der Baufirma Porr von 23 auf zehn, jener beim Gummierzeuger Semperit von 25 auf zwei bis vier Prozent gesenkt. Das Verlustgeschäft mit HypoVereinsbank-Aktien (HVB) wurde durch den Verkauf von sechs Mio. Aktien im Sommer beendet.

Im Gegenzug werden für 2005 die Ergebniszahlen mehr als verdoppelt. Das kündigte Städtische-General Günter Geyer bei einer Pressereise nach Nizza an, wo er auch sein neues Vorstandsmitglied Martin Simhandl präsentierte.

Simhandl wird sich im Vorstand wie bisher um die Beteiligungen kümmern. Er löst Kurt Ebner ab, der nun die Aufgabe hat, ein internationales Aktuariat zu etablieren.

Bei der Porr ist noch offen, wer die Städtische-Aktien erwirbt, denn sowohl die BA-CA-nahe B+C-Stiftung (37 Prozent) als auch der Tiroler Unternehmer Klaus Ortner (25 Prozent) haben ein Vorkaufsrecht.

Sobald einer der beiden zukauft, wäre ein Übernahmeangebot für den gesamten Konzern fällig. Daher hält Geyer die Hereinnahme eines Partners für möglich. Oder es kommt zu einer Kombination von Altaktionären und neuem Partner. Die Entscheidung soll in den nächsten sechs Monaten fallen. Für Geyer jedenfalls steht fest: "Es ist nicht Aufgabe der Städtischen, eine Baufirma zu führen."

Bis Ende Oktober will Geyer seine Semperit-Aktien verkaufen. Über die BA-CA wird derzeit mit institutionellen und privaten Investoren verhandelt. Mitte 2003 hat die Städtische noch das Übernahmeangebot der B+C-Stiftung zum Preis von 14 Euro je Aktie als zu niedrig abgelehnt. Nun verkauft sie ihre Semperit-Aktien um 17 bis 18 Euro das Stück.

Konzentration aufs Kerngeschäft

Im Gespräch mit dem STANDARD begründet Simhandl die Kehrtwendung in der Beteiligungsstrategie damit, sich auf das Kerngeschäft konzentrieren zu wollen. "Wir wollen nur mehr handelbare Positionen halten, die über die Börse leicht wieder verkaufbar sind", argumentiert der Neovorstand.

Simhandl: "In Wirklichkeit wollen wir Finanzbeteiligungen, die nicht mit eigenem Know-how gemanagt werden." Mit Aktienpaketen von zwei bis zehn Prozent will die Städtische "an guten, soliden heimischen Unternehmen dabei sein, stabilisierend wirken, aber nicht an der Unternehmensführung mitwirken", betonte Simhandl.

Ganz anders ist die Situation bei nicht börsenotierten Unternehmen wie dem Verkehrsbüro, wo die Städtische erst heuer im Juni ein zehnprozentiges Aktienpaket von der AUA erwarb und seither 31,6 Prozent hält. Geyer zum STANDARD: "Das Verkehrsbüro ist sehr börsefähig. Irgendwann sollte man den Schritt überlegen."

380 Millionen HVB-Verlust

In den Sommermonaten hat die Wiener Städtische endgültig ihre Verbindung mit der BA-CA gelöst und sechs Mio. ihrer 7,2 Mio. HVB-Aktien über die Börse verkauft. Es war das größte Einzelinvestment der Städtischen, die die Aktien im Zuge der BA-CA-Übernahme durch die HVB, damals noch zum Kurs von 60 Euro je Aktie, erwarb.

Verkauft hat die Städtische ihre Aktien nun zu einem Durchschnittskurs von 14 Euro das Stück. Die Summe der jahrelangen Verluste aus dem Deal: 380 Mio. Euro oder über fünf Milliarden Schilling in alter Währung, wie Geyer betonte.

Hohe Ergebnisvorgaben

Umso höher sind die Ergebnisvorgaben, die Geyer Samstagabend seinen Mitarbeitern machte: Die Städtische AG, nach der Fusion von Generali und Interunfall die Nummer zwei in Österreich, muss bis 2006 wieder Nummer eins werden. "Sollte Raiffeisen fusionieren und größer werden, werden wir das sportlich betrachten", so Geyer kämpferisch.

Und: Der Ergebnisbeitrag der AG zum Konzernergebnis muss von heuer 45 Mio. Euro 2005 auf 80 Mio. Euro steigen, 2006 liegt die Latte bei 110 Mio. Euro. Die slowakische Tochter muss den Marktanteil von 25 Prozent bis 2006 auf 30 Prozent ausbauen, was so viel bedeutet, wie die Nummer eins am Markt, die Allianz, zu verdrängen. Und die tschechische Tochter muss bis 2006 die Prämieneinnahmen von derzeit 800 Mio. Euro auf eine Mrd. Euro erhöhen. (DER STANDARD Printausgabe, 13.09.2004)

Claudia Ruff aus Nizza
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