STANDARD-Interview: "Risiko kann man managen"

19. September 2004, 20:05
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Naturgefahren prägen das alpine Leben. alpS, das Zentrum für Naturgefahren Management in Innsbruck, will den Lebens- und Wirtschaftsraum Alpen schützen. Geschäftsführer Eric Veulliet sprach mit Jutta Berger über Chancen und Grenzen technologischer Interventionen

STANDARD: Ist das nicht eine Anmaßung, Gefahren, die aus der Natur kommen, managen zu wollen?

Veulliet: Risiko kann man managen, aber was man nur begrenzt managen kann, ist die Natur selbst. Das Zusammentreffen von Schadenspotenzial und Gefahr, das Risiko, kann der Mensch beeinflussen. Und zwar durch technische Maßnahmen, Lawinenverbauung beispielsweise.

STANDARD: Welche Szenarien drohen dem Alpenraum also durch klimatische Veränderungen?

Veulliet: Eine achtköpfige, durch alpS initiierte Expertengruppe beschäftigt sich in Tirol mit dieser Frage auf regionaler Ebene. Immer häufigere außerordentliche Ereignisse wie Hitzesommer, Hochwasser oder Stürme haben nicht nur Auswirkungen auf den Naturraum, sondern enorme soziale und ökonomische Folgen. Zukünftig wird unse- re Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur zunehmend auf die Probe gestellt. Veränderungen in der Energiewirtschaft, der Land- und Forstwirtschaft oder auch hinsichtlich unseres Mobilitätsanspruchs sind zu erwarten.

STANDARD: Klimaforscher sagen, dass die Skigebiete in mittleren Höhenlagen aus Schneemangel langfristig keinerlei Überlebenschancen haben. Wintersport wird nur noch in hoch gelegenen Gebieten möglich sein. Was bedeutet das für diese Orte?

Veulliet: Wenn sich die Schneegrenze nach oben verschiebt, müssen sich höher gelegene Regionen auf mehr Touristen einstellen, was neben ökologischen Problemen auch einige wichtige infrastrukturelle Herausforderungen bedeutet. Es stellt sich beispielsweise die Frage, wie Wasser- und Abwassersysteme diese Zunahme verkraften, wie die gesamte Wirtschaftsregion die Veränderung aushält.

STANDARD: Antworten auf diese Fragen sind noch nicht gefunden. Bietet alpS Lösungsansätze für diese Probleme?

Veulliet: alpS bietet als Forschungs- und Entwicklungszentrum zusammen mit seinen Partnern konkrete Lösungsansätze für konkrete Fragen. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe, selbst Fragen zu stellen. In diesem Zusammenhang: Welche Wirtschaftszweige sind klimaunabhängig? Welche Alternativen zur Tourismuswirtschaft gibt es? Worauf muss sich die Landwirtschaft einstellen? Um Antworten zu finden, müssen alle Experten an einem Tisch zusammenkommen, auch auf regionaler Ebene.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat die Prävention in Ihrer Arbeit?

Veulliet: Einen sehr hohen. Wir brauchen in Zukunft aktives Handeln, nicht reaktives. Dazu gehört auch ein stärkeres Sicherheitsbewusstsein der Menschen, die im Alpenraum leben.

STANDARD: Wie können neue technologische Entwicklungen dazu beitragen?

Veulliet: Durch breite und einfache Anwendungsmöglichkeiten. Wir bereiten derzeit ein Projekt vor, das kostengünstigen Gebäudeschutz vor Hochwasser möglich macht. Mit diesem Thema kann man eine breite Schicht von Menschen ansprechen. Da geht es um die einfache, schnelle, mobile und kostengünstige Abdichtung von Gebäudeöffnungen. Ich reduziere das Risiko, indem ich das Schadenspotenzial verringere.

Ein weiteres Beispiel ist die Schadensminimierung durch Monitoring und Modellierung von Hangbewegungen oder durch optimierte Hochwasserprognosen, die längere Vorwarnzeiten ermöglichen. Alle diese Projekte haben eine große Wertschöpfung. Forschung ist volkswirtschaftlich betrachtet vor allem im Risikomanagement eine sehr gute Investition.

STANDARD: Eines Ihrer Projekte nennt sich "Optimierung innovativer Gletscherschutzverfahren" (siehe unten). Kann man Gletscher tatsächlich mithilfe von Technologie schützen?

Veulliet: Das wissen wir noch nicht. Wir wollen mit diesem zweijährigen Projekt schauen, welche Prozesse zum Abschmelzen führen und wie mit technischen Verfahren ein Abschmelzvorgang reduziert werden kann. Diesen Vorgang kann man unter heutigen Klimabedingungen nicht verhindern, man kann ihn nur abbremsen. Als vorübergehende Lösung, um Alternativen zu schaffen. Ein wichtiger Aspekt dabei: Bevor wir etwas tun, wollen wir wissen, welche Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht die Folge sein könnten.

STANDARD: Geht es bei diesem Projekt nicht eher um den Erhalt von Skigebieten in Gletscherzonen?

Veulliet: Durch die Sicherung bestehender Gebiete kann verhindert werden, dass weitere Gebiete erschlossen werden.

STANDARD: Könnte aus Ihrer Forschungsarbeit auch die Empfehlung, Gletscher nicht mehr weiter wirtschaftlich zu nutzen, folgen?

Veulliet: Unser Auftrag ist Forschung und Entwicklung. Die Umsetzung, die politische oder wirtschaftliche Entscheidung, liegt nicht bei uns. Wir liefern nur die Entscheidungsgrundlagen.

STANDARD: Ist diese wissenschaftliche Distanz in dieser Fragestellung tatsächlich möglich?

Veulliet: Objektivität und Neutralität gehören zur Philosophie von alpS. Wir möchten keinen Lobbyismus betreiben, sondern wir bieten eine Plattform für Konsens. Wir verbinden Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Ein integrativer Ansatz und ein delikater. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2004)

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