Reportage: Trauer und Angst am Ground Zero

14. September 2004, 09:39
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Bei der 9/11-Gedenkveranstaltung macht sich ein absurdes Gefühlsnebeneinander aus Betroffenheit und Ungerührtheit breit

An den 11. September 2001 hat jeder andere Erinnerungen. Die Rechtsanwältin Marica Meis, die heute als Verteidigerin an einem Gericht in der Bronx arbeitet, erinnert sich, wie sie damals aus ihrem Bürofenster am Rande von Chinatown Abertausende Blätter Papier aus den Türmen heruntersegeln sah, Geschäftsbriefe, Rechnungen, Faxpapier. Und an die Leute auf den Straßen. "Die sind völlig ausgeflippt. Haben geschrien, geweint, gelacht, wildfremde Personen umarmt."

Toby Gardner, ein junger Sozialarbeiter, der am 11. September 2001 Kinder in Brooklyn unterrichtete, erinnert sich an die gigantische Staubwolke, die nach dem Einsturz der Türme von Manhattan herüberzog und das gesamte Viertel mit einer fetten Staubschicht bedeckte. An Menschen, die fassungslos wie Gespenster durch diese Mondlandschaft tappten.

Und Peggy Gilpin erinnert sich vor allem an den Moment, als sie erstmals drei Opferfamilien, darunter eine schwangere junge Frau, die ihren Mann in den Türmen verloren hatte, auf das WTC-Gelände begleitete. Gilpin, eine New Yorker Dokumentarfilmerin, die über ein berufliches Vorleben als Familientherapeutin verfügt, hatte spontan beschlossen, sich als Helferin zur Verfügung zu stellen. "Als ich mit den Angehörigen durch das Spalier der Feuerwehrleute ging und die ihre Helme auf die Brust nahmen, um ihr Mitgefühl zu zeigen, das war wirklich herzzerreißend. Ich habe danach 24 Stunden gebraucht, um weitermachen zu können."

Am Samstag hat New York den dritten Jahrestag der Terrorattacken auf das WTC begangen. An den Zäunen, die die gigantische Baulücke an der Südspitze von Manhattan absichern, hängen Blumenherzen und Fotografien, drinnen verlesen die Angehörigen die Liste der Todesopfer. Es ist eine stundenlange, lediglich von vier Schweigeminuten unterbrochene Zeremonie, die über riesige Lautsprecher nach außen übertragen wird.

"Persönliche Rache"

In der Menge auf dem Gehsteig macht sich ein absurdes Gefühlsnebeneinander von tiefster Betroffenheit und völliger Ungerührtheit breit. Immer wieder brechen Menschen spontan in Tränen aus, aber es gibt auch Touristen, die die Gelegenheit für Fotos heiter dazu nutzen, um ihre Lieben vor dem malerischen Hintergrund einer überdimensionalen US-Flagge auf einem Wolkenkratzer nahe des Ground Zero abzulichten.

Andere verwenden die Gelegenheit zu Geschäftszwecken. Ein Mann verteilt Flyer, in dem für den Roman "Persönliche Rache" eines gewissen Richard D. Lee geworben wird. Die Handlung dreht sich um einen Ex-Marine, der seine Tochter im WTC verloren hat und sich auf eigene Faust in Afghanistan auf die Jagd nach Bin Laden macht ("Eine kraftvoll erzählte Fabel mit unvergesslichen Charakteren").

9/11 war ein historischer Wendepunkt in der Geschichte der Stadt, und die seelische Wunde, die ihr dieser Tag geschlagen hat, wird niemals gänzlich ausheilen können. Toby Gardner erzählt, dass die jüngeren Kinder den Schock meistens besser verkraftet haben als die Elf- oder Zwölfjährigen, die sich einen genaueren Begriff davon machen konnten, was da überhaupt passiert war. Aber die Erinnerung an das Geschehene und die Furcht vor dem, was wieder geschehen könnte, sind unauslöschlich im Alltagsbewusstsein der New Yorker.

Auch Peggy Gilpin gibt sich keinerlei Illusionen hin. "Der nächste Anschlag kommt bestimmt, das ist wie mit einem Hurrikan. Die Frage ist nur, wann und wo er kommt." Was ihr aber viel größere Sorgen macht, ist der politische Fallout des 11. September 2001. Sie hat das Gefühl, dass die Einschränkungen der Bürgerrechte das Land schon jetzt an den Rand eines autoritären Systems gebracht haben. "Aber die Leute begreifen das nicht. Sie begreifen es einfach nicht."(DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2004)

Christoph Winder aus New York
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