Routine kann sehr verräterisch sein

19. September 2004, 20:05
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Die Geschichte der Kryptografie kreist immer um dasselbe Problem

Kann ein Kode mit viel Fleißarbeit geknackt werden oder ist er so sicher, dass selbst Superhirne ihm nicht auf die Spur kommen? Für Letzteres kommt die derzeit interessanteste Technologie aus Wien.

Der beste und sicherste Kode ist immer noch eine gemeinsame Kindheit: "Ich vergrabe den Schatz an der Biegung des Flusses, du kennst ja die Stelle." Wer auch immer das abhört, dem werden auch Hochleistungscomputer nicht weiterhelfen. Eine gemeinsame Kindheit hatten auch die Navajo-Indianer. Ihre besondere Rolle als Funker im Zweiten Weltkrieg war lange verborgen geblieben - erst als sich Hollywood in dem Film "Windtalkers" ihrer Geschichte annahm, ehrte Präsident Bush die Veteranen. Weil bis auf überschaubare 28 Außenstehende niemand ihre Sprache beherrschte, wurden sie als lebende Verschlüsselungsmaschinen in den Dienst der amerikanischen Streitkräfte gestellt. Das führte mitunter zu seltsamen Verrenkungen, denn für viele Begriffe wie etwa "U-Boot" gab es kein passendes Wort. Es wurde mit "Fisch aus Eisen" übersetzt, und die Nachricht nahm einfach ein wenig mehr Zeit in Anspruch.

Japanische Ohren mochten da noch so lange zuhören: Die Navajo-Sprache ließ sich in kein System bringen. Dass viel Geplauder die Chancen erhöht, den Kode zu knacken, diese Erfahrung machten sich zur selben Zeit die britischen Entschlüsselungsspezialisten in Bletchley Park zunutze. Ihr Ziel war es, der "Enigma" ihr Geheimnis zu entreißen, mit der die Funker auf deutscher Seite ihre Nachrichten kodierten. Zwar hatte bereits 1934 der polnische Mathematiker Marian Rejewski mit Hilfe von mechanischen Rechenmaschinen die "Enigma" bezwungen, aber der Feind rüstete auf und verkomplizierte die Mechanik der Verschlüsselungsschreibmaschine. Da täglich ein neuer Schlüssel benutzt wurde, musste jeweils binnen weniger Stunden die Dekodierung erfolgreich sein.

Nichts zu vermelden

Für heutige Computer wäre es ein Klacks, in Bletchley Park jedoch waren etwa 7000 Wissenschafter beschäftigt, die wiederum unzählige Rechenmaschinen mit Informationen fütterten. Sie verließen sich nicht allein auf die Technik. Was bei den Navajos nicht gelang, hier glückte es: Die Funksprüche unterlagen einer bestimmten Routine. Wenn man wusste, dass jemand stets zur selben Zeit meldete, dass es nichts zu melden gab, dann war das ein Punkt, wo man ansetzen konnte, um den Tagesschlüssel herauszufinden. Aber andererseits durfte der Feind auch keinen Verdacht schöpfen. Viele Funksprüche wurden entschlüsselt, ohne dass es Konsequenzen für den Kriegsverlauf hatte.

Selbst heutige Kodierungstechniken wie das auch für den privaten E-Mail-Verkehr zugängliche PGP (Pretty Good Privacy) basieren darauf, dass der Zeitaufwand zu hoch ist, um die Nachricht noch lesen zu können, bevor sie längst nicht mehr aktuell ist.

Eine Alternative ist die "One time pad"-Methode, die unter anderem von sowjetischen Agenten während des Kalten Kriegs verwendet wurde. Jede Nachricht wird mit einem eigenen Schlüssel kodiert. Das aber wirft das alte Problem auf, wie denn der Schlüssel auf sicherem Wege zum Empfänger kommt.

Ein in Wien unter dem Physiker Anton Zeilinger entwickeltes Verfahren der Quantenkryptografie macht sich einen Effekt zunutze, den Albert Einstein als "spukhafte Fernwirkung" von Lichtteilchen bezeichnete. Durch eine unsichtbare Kette sind die Teilchen miteinander verbunden und "schreiben" so bei Sender und Empfänger gleichzeitig denselben Kode. Zeilinger hat, wie der STANDARD berichtete, in diesem Jahr erstmals die Quantenkryptografie unter Praxisbedingungen getestet und eine Banküberweisung durch eine Glasfaserleitung geschickt. Die Besonderheit: Die Teilchen sind so sensibel, dass jeder Versuch, die Nachricht unterwegs abzuhören, diese zerstören würde. Der Kode ist nicht nur extrem sicher, sondern kann erst gar nicht in fremde Hände gelangen. Als Einsatzgebiet angepeilt werden leicht zu verkabelnde Punkte wie Banken und Geldautomaten. (Oliver Elser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2004)

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