Francis Fukuyama: "Republikaner nutzen 9/11 schamlos aus"

16. September 2004, 10:48
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Der neokonservative Berater der US-Regierung kritisiert im STANDARD-Interview die Bush-Regierung scharf

Standard: Welche Rolle spielt der Umgang mit 9/11 im US-Wahlkampf?

Fukuyama: Die große Frage diesmal ist, ob die Republikaner in der Lage sein werden, 9/11 zu nutzen: ob es grundlegend genug Schrecken verursacht, dem sich Amerikaner hingeben. Ich finde, es ist so etwas von schamlos, 9/11 auszunutzen, um zu sagen: Also, wir sind die Einzigen, die euch schützen können. Beim Republikaner-Parteitag drehte sich alles um 9/11. Vizepräsident Dick Cheney sagte, das Land sei viel verletzlicher gegenüber Terroranschlägen, wenn man Kerry wählt.

Standard: Tritt John Kerry ehrlicher auf?

Fukuyama: Ich glaube, John Kerry hat viele Fehler gemacht. Er hat nicht die richtigen Themen, um seine Positionen in Kontrast zu stellen mit jenen der Republikaner. Mein Instinkt sagt mir deshalb, er wird verlieren.

Standard: Könnte Kerry im Irak anders agieren als Bush?

Fukuyama: Ja. Egal, wer die Wahl gewinnt: Sowohl Bush als auch Kerry werden nach den Wahlen nach einer Exit-Strategie suchen. Es wird einfacher für Kerry sein, das zu verfolgen, als für Bush, denn es war ja nicht sein Krieg. Jetzt, kurz nach dem Parteitag, hat auch Kerry damit begonnen zu sagen, es könnte möglicherweise noch vier Jahre dauern, bis die US-Truppen den Irak verlassen. Ich halte das für einen schrecklichen Fehler: Auch wenn man das vorhat, darf man das vorher nicht ankündigen.

Standard: Sollen die US-Truppen länger im Irak bleiben?

Fukuyama: Sie müssen, um die Sicherheit zu garantieren in dieser Übergangszeit, während die Iraker ihre Institutionen wieder aufbauen. Das Problem ist, dass die US-Okkupation Widerstand hervorruft. Niemand ist gerne okkupiert. Aber ohne die US-Truppen ist es unmöglich, sich die Auferstehung eines neuen Irak vorzustellen. Es wäre besser gewesen, wenn die US-Intervention im Irak mit einem breiteren UN-Mandat erfolgt wäre. Dann hätten auch die anderen Nato-Alliierten und arabischen Staaten mitmachen können, wie dies beim Golfkrieg 1991 der Fall war. Das ist nicht geschehen. Bush hat einfach den Krieg gestartet.

Standard: Hatte die Bush-Regierung damals ein Modell für die Nachkriegszeit im Irak?

Fukuyama: Sie hatte ein Modell, aber es war leider das falsche. Es war jenes aus Osteuropa 1989, Rumänien zum Beispiel. Da hatte man eine sehr brutale Diktatur. Als man Nicolae Ceau¸sescu eliminierte und ihn ersetzte, gab es eine friedliche Transformation, keinen Zusammenbruch des Staates, keine zivile Unordnung. Ich glaube, der große Fehler, der im Irak gemacht wurde, war, nicht zu sehen, dass Saddams Regime anders war, mehr eine Art Mafia. Die soziale Basis ist im Irak eine andere und das zeigt sich seit dem offiziellen Kriegsende.

Standard: Läuft es mit dem Wiederaufbau in Afghanistan besser, weil hier auch alle Europäer mithelfen?

Fukuyama: Nein, das hat andere Gründe. Nach den Attentaten vom 11. September hat niemand die USA für den Versuch kritisiert, das Taliban-Regime in Afghanistan zu stürzen. Denn jeder hat die direkte Verbindung zwischen den Taliban und den Attentaten gesehen. Das ist im Irak nicht der Fall. Trotz allem, was die Bush-Administration über die Verbindung zwischen dem Irak und dem Terrorismus gesagt hat: Die Leute glauben das einfach nicht.

Standard: Helfen Anschläge wie jüngst in Russland oder Indonesien Präsident Bush?

Fukuyama: Es hilft ihm wahrscheinlich schon. Die Menschen haben einfach Angst. Sie trauen den Demokraten auch nicht zu, damit so umzugehen, wie es die Republikaner tun. Obwohl ich persönlich glaube, dass da nicht so viel Unterschied besteht.

Standard: Werden Sie wieder Bush wählen? Fukuyama: Nein, ich werde ihn nicht mehr wählen. Aber für Kerry zu stimmen fällt mir auch schwer. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2004)

Zur Person:
Francis Fukuyama ist einer der bekanntesten Intellektuellen der Neokonservativen. Der 52-jährige Sohn japanischer Einwanderer bezeichnet sich selbst als alter Freund von US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz. Fukuyama, der unter Präsident Ronald Reagan Berater im Außenministerium war, ist heute Professor für Internationale Politische Ökonomie an der Johns Hopkins University in Washington. Kommende Woche erscheint sein neuestes Buch auf Deutsch: "Staaten bauen. Die neue Herausforderung internationaler Politik" im Propyläen-Verlag, das er am Wochenende in Berlin vorgestellt hat. Mit fukuyama sprach Alexandra Föderl-Schmid
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