Ein Fisch setzt sich durch

12. September 2004, 18:35
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Preis für Hubert Saupers Film "Darwins's Nightmare"

Venedig - Zunächst geht es (nur) um einen großen Fisch: den Nil- beziehungsweise Viktoriabarsch. Er wurde in afrikanischen Gewässern ausgesetzt und behauptete sich am Ende der Nahrungskette. Die Folge: ein ökologisches Desaster, aber eine ökonomische Erfolgsgeschichte.

Hubert Saupers vielschichtiger Dokumentarfilm Darwin's Nightmare, der einzige heimische Beitrag auf dem Filmfestival von Venedig, gewann den Hauptpreis der Sektion "Giornate degli Autori" - einer Nebenschiene des Programms, die in Anlehnung an die "Quinzaine des Realisateurs" von Cannes neu gegründet wurde.

Der Raubfisch gibt in Darwin's Nightmare ein treffendes Bild ab für die Logik des Verhältnisses zwischen Erster und Dritter Welt: In Tansania ist der Barsch nämlich längst zur wichtigsten Einkommensquelle geworden. Täglich landen hier Flugzeuge, um Fischfilets in westliche Industrieländer zu exportieren; für die heimische Bevölkerung bleiben nur Fischköpfe zurück, die von Müllhalden aufgelesen und selbst madendurchsetzt noch verzehrt werden.

Sauper setzt nüchtern und minutiös mehrere Ebenen miteinander in Beziehung, er zeigt die Wechselwirkungen einer globalen Ökonomie: Mittels Interviews und eindringlicher Szenen, in denen das Umfeld des vermeintlichen Fisch-Eldorados erkundet wird, demonstriert er, dass von der Fischproduktion nur wenige profitieren, Prostitution und Drogenkonsum auf den Straßen dagegen immer mehr zunehmen.

Den schockierendsten Einblick in diese einseitig ausgerichtete Ökonomie hebt sich der Film - dramaturgisch vielleicht eine Spur zu bemüht - bis zum Ende auf: Er drängt auf die Aussage, dass die russischen Flugzeuge in Afrika nicht ohne Ladung ankommen. Am Ende spricht es ein Pilot dann aus: Er habe meist Waffen an Bord. Nicht nur der See ist in Tansania aus dem Gleichgewicht, sondern das ganze Land.

"Orrizonti" hieß eine weitere Nebenschiene am Lido, in der Arbeiten jüngerer Filmemacher präsentiert wurden: Einen Höhepunkt lieferte dort der Argentinier Pablo Trapero mit Familia Rodante. Der Film erzählt von einer Großfamilie, die im Wohnmobil zu einer Hochzeit am Lande aufbricht. Aber nicht das Ziel ist darin von Bedeutung, sondern der über tausend Kilometer lange Weg dorthin, der die Fragilität des sozialen Gefüges deutlich werden lässt.

Trapero hält die Kamera, ein wenig als Erbe von Cassavetes, immer nahe an den Personen. Er vollzieht mit, wie sich Affekte aufbauen und entladen, wie Leidenschaften nicht offiziellen Eheverhältnissen folgen. Während das Auto auf Straßen entlangrattert, schlittert die Familie auf die Katastrophe zu - und findet, von einer weisen Großmutter navigiert, doch auch wieder zueinander. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.9.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh aus Venedig
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