Michael Moore – unser Mann in Amerika

10. September 2004, 21:24
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9/11 als Objekt der Instrumentalisierung: Über die Verlogenheit oppositioneller Kritik - Kommentar der anderen von Richard Schuberth

Warum der Republikaner John McCain mit seiner Convent-Attacke gegen "einen unaufrichtigen Filmemacher" auch aus der Sicht eines linken Intellektuellen durchaus nicht so falsch gelegen ist.

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Als Western-Fan hatte ich es immer schwer. Ich bevorzugte den amerikanischen, meine intellektuellen Freunde den Italo- Western. Breitete sich im US- Western vor einem das weite Spektrum amerikanischer Mythologie und Geschichte aus, gesellschaftlicher Affirmation und Kritik, so schien mir, reduziere der Spaghetti- Western sein amerikanisches Vorbild auf das, was Buben einzig an ihm wahrnehmen: ritualisierte Gewalt, stereotype Charakterzeichnung und die für dieses Alter verständliche Idealisierung von Männern mit unterentwickeltem Bartwuchs.

Das sei ja genau die Ironie der Sache, ironisierten meine intellektuellen Freunde mit dem dazugehörigen spröden Ironikerlächeln und legten dann noch ein paar poststrukturalistische Vokabeln nach. Hinter all dem gelehrigen Gerede jedoch, so befürchtete ich, verstecke sich bloß deren kindliches Vergnügen an Abknallen und Fiessein.

Das war und ist mir selbst nicht fremd. Abknallen und Fiessein sind die elementaren Freuden jedes zu bezähmenden kleinen Monsters, das man allgemein Knabe nennt. Auch ich erinnere mich an die glucksende Euphorie, die mir ein Pfeil bereitete, wenn er sich in den Torso eines stattlichen Ritters bohrte.

Dass der Schütze stets Robin Hood, der Rächer der Enterbten, und sein Ziel ein Häscher des ausbeuterischen Sheriffs von Nottingham war, gab meiner Aggression die notwendige moralische Rechtfertigung und so – glaube ich mich zu erinnern – wurde ich ein Linker.

Und an noch etwas erinnere ich mich: dass die kathartische Lust an der Gewalt stets der Notwendigkeit vorausging, sie zur Niederwerfung erniedrigender Lebensumstände zu gebrauchen. Von rechten Altersgenossen unterschieden wir uns bloß darin, dass deren Robin Hood gemeinsam mit den Bauern den jüdischen Händler aufhängte und zur Belohnung mit dem Sheriff in der Badewanne planschen durfte.

So wuchsen wir heran: Mein George Bush hieß Ronald Reagan, nicht weil ich Anti-Amerikaner war, sondern weil amerikanische Feinde viel cooler waren als einheimische wie Hitler. Schließlich verweigerte ich auch deutschsprachige Zigaretten! Unsere Robin Hoods indes hießen fortan Che, Geronimo, Ronald Biggs und – introducing – Karl Marx. Letzterer brachte uns allerdings ganz schön ins Schlittern. Erklärte er uns doch, dass wir auf "Charaktermasken" einprügelten, also austauschbare Emanationen gesellschaftlicher und ökonomischer Verhältnisse. Verflixt, dachten wir, Verhältnisse ließen sich weder verhauen noch mit Pfeilen spicken, auch nicht genussvoll kastrieren, sondern bloß umwerfen oder bestenfalls begreifen.

Das wird zu kompliziert, außerdem macht es keinen Spaß mehr, sprachen die Ehrlicheren unter uns, wünschten uns viel Glück und zogen sich vom Kampf, der bloß in unseren Köpfen stattfand, zurück.

Einige andere gaben nur vor, den Reifesprung vom Cowboy-Indianer-Spiel zur Kritik der Politischen Ökonomie geschafft zu haben, wie mir neulich ein Bekannter anschaulich zeigte. Michael Moores jüngste Dokumentation "Fahrenheit 9/11", so eröffnete er mir, sei natürlich zu platt – keine Frage –, doch "für Amerikaner und europäische Jugendliche ein probater Einstieg in linke Kritik".

Perfidie

Diese in dreierlei Hinsicht perfide Aussage wäre nicht der Gegenrede wert, spiegelte sie nicht die Haltung so vieler europäischer Linksintellektueller wider. Sie demütigt Amerikaner, indem sie ihnen den geistigen Entwicklungsstand europäischer Jugendlicher unterstellt, sie demütigt Amerikaner und europäische Jugendliche, indem sie diese für blöd genug hält, auf Michael Moore hereinzufallen, und – der Gipfelpunkt der Perfidie – empfiehlt ihnen gleichzeitig, auf Michael Moore hereinzufallen.

Doch was lässt sich von Michael Moore lernen? In welche Art der Gesellschafts- und Machtkritik also sollen Amerikaner und europäische Jugendliche – zum Beispiel durch "Fahrenheit 9/11" – initiiert werden?

Patriotismus. Michael Moore liebt die amerikanische Flagge mindestens so heiß wie Mel Gibson. Sowohl Moore als auch Gibson sind keine Nestbeschmutzer, sondern Nestsäuberer. Gibson kontrolliert den so genannten Bible Belt, Moore eher Ost- und Westküste. Doch weil Moores Positionen den Bible-Belt-Fundamentalisten schlichtweg "schwul" und "jüdisch" vorkommen, muss er umso heftiger die amerikanische Scholle küssen.

Natürlich sollen die künftigen Eurolinken keine US-Patrioten werden, sondern vom erhabenen Eulennest der europäischen Werte auf den schäbigen Adlerhorst namens USA herabschauen und dabei möglichst vergessen, dass all diese Nester im selben Baum stecken und all ihre Raubvögel dieselbe Beute jagen. Kapitalismus soll also keinesfalls als weltumspannendes System, sondern als Dämon aus Texas (oder wahlweise New York) begriffen werden.

Antiimperialismus nach dem Motto "Die Opfer der Mächtigen müssen gut sein". Michael Moores Wahl der Bilder lässt keine Zweifel offen. Szenen von spielenden Kindern und lächelnden Bazarhändlern suggerieren den Irak vor der US-Aggression als zivilgesellschaftliche Idylle. Darin folgt Moore nicht nur Jörg Haider, sondern dem gesamten linksliberalen Common Sense in Europa.

Dass ein Großteil der Iraker nach wie vor dankbar sein dürfte, von einem der perversesten Mörderregime der Gegenwart befreit worden zu sein, wird von ihm ebenso unterschlagen wie von einem Großteil der europäischen Medien. Doch was soll man von diesen erwarten, feiern sie doch die Horden islamistischer Terroristen, die großteils aus anderen Ländern in den Irak strömen und irakische Zivilbevölkerung wie ausländische Militärs gleichermaßen morden, unisono als "den irakischen Widerstand".

Personenkult. Ein umgedrehter Führerkult ist die Verteufelung der Person Bush. Wer der Spitze des Eisberges so viel Bedeutung beimisst, tut das auch dann, wenn diese ausgetauscht wird. Nicht dass es keinen Unterschied machen würde, ob ein George W. Bush oder ein John F. Kerry und seine Gang die Geschicke der USA lenken.

Zur Disposition steht dabei immerhin die offene oder die verdeckte Demütigung der Armen. Es wird unter Kerry wahrscheinlich mehr Jazz, Bob Dylan, Tim Robbins und Coen Bros. geben, also jener liberalen Symbolkultur Tribut gezollt, mit der sich auch die europäische Linke zufrieden gibt.

Vergesslichkeitr

Doch wer erinnert sich noch, dass es die Administration des Saxofon spielenden Sonnyboys Bill Clinton war, die Jugoslawien bombardierte und den seit Reagan härtesten Schlag gegen die Reste des amerikanischen Sozialsystems führte? Wie leuchteten SPÖ-Chef Alfred Gusenbauers Augen beim Parteitag der Demokraten in Boston, als sein Vorbild Kerry vor ihm salutierte.

Und ihm in die eigene Zukunft wies, wenn er als Chef einer sozialdemokratischen Regierung dereinst den Krieg gegen die unteren Einkommen mit sanfteren Mitteln als die konservativen Vorgänger wird fortsetzen können. Die verquere Lehre daraus fürs Fach Politische Bildung – vierzigjährige Yankees und vierzehnjährige Europuberteure aufgepasst! –: Das geringere Übel ist die Antithese zum Übel!

Niedertracht

Niedertracht als kritischer Stil. Michael Moore ist ein wahrer Meister, George Bushs vermeintliche Dummheit selektiv ins Bild zu rücken. Die "Bushisms", wie der Katalog sprachlicher Fehlleistungen des amtierenden US-Präsidenten genannt wird, sind lustig und haben auf die Spaßkultur knapp vor ihrem drohenden Langeweiletod wie ein Defibrilator gewirkt.

Doch Bushs Peinlichkeiten zum Ziel der Kritik zu machen, ergibt nur Sinn, wenn man seine aggressive Innen- und Außenpolitik durchaus billigt, aber von einem kompetenteren, klügeren Neokonservativen umgesetzt sehen will. Auch Michael Moore kann sich nicht entscheiden, ob er Bush nun als trotteligen Hampelmann der Rumsfeld-Clique oder dämonischen Tatmenschen inszenieren will. Dabei beweist Bushs Position ja nicht mehr, als dass – mit gehörigem Kapital und Lobbyismus im Rücken – wirklich jeder, du, ich, vielleicht sogar Michael Moore die Rolle des Präsidenten spielen könnte.

Gesetzt, George Walker Bush ist wirklich dement und kein überforderter, tölpelhafter, ungebildeter – kurzum: durchschnittlicher Bürger, so ist die Kritik an seiner Persönlichkeit nicht nur dumm, sondern niederträchtig. Aber für solcherlei Schäbigkeit bedarf es keiner amerikanischer Lehrmeister. Man erinnere sich nur an die Art und Weise, wie einst der linke Stammtisch die Außenpolitik des am Parkinsonsyndrom leidenden Alois Mock kritisierte – durch Nachahmung seiner spastischen Bewegungen.

Diese Evergreens aus dem Fundus rechter Sentiments sollen europäische Halb- und amerikanische Vollwüchsige also verinnerlichen, damit aus ihnen einmal differenzierende, scharfsinnig und dialektisch denkende Kritiker der Macht werden? So erklärt sich auch, warum die Existenz einer anspruchsvollen linken Kritik in den USA unterschlagen werden muss. Leute wie Immanuel Wallerstein, Gore Vidal, Robert Brenner oder Christopher Hitchens etwa, welcher Michael Moore kürzlich in einem scharfsinnigen Artikel zerpflückte.

Bei Michael Moores Fans diesseits des Atlantiks ist die Sache klar: Sie teilen mit ihm das Niveau und lassen sich von ihm ihren Anti-Amerikanismus füttern. Jene heuchlerischen Kritiker Moores aber, die ihn belächeln und doch weiterempfehlen, sind vom heimlichen Wunsch getrieben nach Dauerkarenz vom kritischen Denken und Regression in die Robin-Hood-Phase des eigenen Linksseins, als man noch einen bösen König John als Feind hatte, dessen Bekämpfung mit der Gunst des guten König Richard belohnt wurde, als man sich also umso rebellischer geben durfte, je affirmativer man kritisierte. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Richard Schuberth, freier Autor und Cartoonist, lebt in Wien; sein Theaterstück "Freitag in Sarajevo" wird kommenden Oktober in Tuzla und Sarajevo uraufgeführt.
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    Michael Moore während seines Auftritts am Parteitag der Republikaner

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