Kommentar: "Six Feet Under" Weltklasse an der Wiener Gerichtsmedizin

17. September 2004, 14:10
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Dass man sich chemisch veränderte Tote als "Diamant" in die Vitrine stellen kann, ist teuer, zeigt aber was Wissenschaft vermag

In der nun auch bei uns gezeigten amerikanischen Fernsehserie "Six Feet Under" lebt eine schräge Familie von einem Geschäft, das in Österreich erst spät privatisiert wurde: der Bestattung. Sie hat sich so sehr entwickelt, dass man sich chemisch veränderte Tote als "Diamant" in die Vitrine stellen kann. Das ist teuer, zeigt aber auch hier, was wissenschaftliche Weltklasse vermag. Und sei es nur als Umsetzung von angewandter Forschung für "Orchideenbranchen".

Neue Gerichtsmediziner

Viele Verstorbene landen zunächst einmal in der Gerichtsmedizin, um die Todesursachen zu klären. In einem profil-Interview sprach Manfred Hochmeister, der nach einem Interregnum von 16 Jahren definitiv eingesetzte neue Gerichtsmediziner der Universität Wien, von Entwicklungen seines Faches, die nach Business klingen.

In vielen Fällen hat heutzutage das Skalpell ausgedient. An seine Stelle ist der Spiraltomograf getreten. Die DNA-Analysen haben die Verbrechensaufklärung revolutioniert. Das heißt: Gerichtsmedizinische Zentren können kommerziell agieren und über Patente zusätzliches Geld lukrieren.

Dahinter aber wird immer die Frage nach dem Umgang mit dem Tod und dem Respekt vor den Toten stehen.

Versäumnisse der zuständigen Politiker

Der jetzt durch einen Rohbericht des Rechnungshofs bekannt gewordene Skandal um die Zustände auf der Wiener Gerichtsmedizin ist eine dramatische Illustration für die Versäumnisse der zuständigen Politiker. Unter Elisabeth Gehrer ist jetzt immerhin die Führungsfrage für das Institut geklärt worden. Das Ministerium leitet sie aber seit 1995. Nimmt man das Justizministerium dazu, dann reiht sich eine lange Liste von parteilosen, schwarzen, roten und blauen Ministern auf, die es verabsäumt haben einzugreifen.

Der neue Mann, Manfred Hochmeister, gehört zur Spitze seines Faches. Aber wird er die Millionen kriegen, die er für Neubauten und Computertomografen braucht? Der gebürtige Wiener, der in der Schweiz zum renommierten DNA-Experten wurde, gibt sich mit einem relativ bescheidenen Gehalt zufrieden. "Weltklasse" zum Heimweh-Tarif. Zahlreiche andere Berufungen aber kommen nicht zustande, weil sich die "privatisierten" Universitäten mit den knappen Budgets gar keine Spitzenprofessoren leisten können. Und weil mittlerweile Scharen von hoch qualifizierten jungen Assistenten das Weite gesucht haben.

Atemberaubenden Veränderungen

Die atemberaubenden Veränderungen in den medizinischen Disziplinen werfen ein weiteres Problem auf. Die Erfolge bei der Aufklärung ungeklärter Todesfälle durch Obduktionen haben in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Gestiegen ist aber auch das Know-how jener Mörder, die nicht aus Affekt handeln, sondern den "perfekten Mord" planen. Missstände an Instituten und in der Exekutive helfen ihnen.

Sabine Rückert schrieb darüber im Jahr 2000 ein viel beachtetes Buch: "Tote haben keine Lobby" (Verlag Hoffmann und Campe). Demnach bleiben in Deutschland pro Jahr 1200 Tötungsdelikte ungeklärt. Weil es in Österreich "seit der Zeit Metternichs ein perfektes System der Supervision der Totenbeschau" gebe, liege diese Rate hierzulande nur bei fünfzig Fällen, sagte im Jänner Christian Reiter, von der Wiener Gerichtsmedizin. Demnach dürften die Missstände keinen Einfluss auf die Effizienz des Apparats haben. Vielleicht hat die Politik auch eine Sparidee: die hohen Obduktionskosten zu senken und dafür den Neubau des Wiener Instituts zu finanzieren.

Die Vorgänge zeigen, dass die Vorstellung zu kurz greift, der Staat könne sich durch "Privatisierung" aus der Verantwortung stehlen. Der Fall der Wiener Gerichtsmedizin zeigt, dass er nur ein Beispiel von vielen ist.

Wissenschaft wird immer auch eine Staatsaufgabe bleiben. Wird nicht investiert, bleiben die Universitäten weit weg von der Weltklasse. Im wahrsten Sinn des Satzes "Six Feet Under" dem Forschungsniveau der internationalen Wirklichkeit. (Gerfried Sperl, DER STANDARD Printausgabe 11/12.9.2004)

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