STANDARD-Interview: Der erste Dominostein

17. September 2004, 18:42
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Mit Ungarns Botschafter István Horváth, einem der Hauptakteure im Sommer 1989, sprach Josef Kirchengast

STANDARD: Vor 15 Jahren wurde an der ungarisch-österreichischen Grenze Weltgeschichte gemacht. Sie waren als damaliger Botschafter Ungarns in der Bundesrepublik Deutschland einer der entscheidend Beteiligten. Heute hängt an der ungarischen Botschaft in Wien, die Sie leiten, die EU-Fahne, und man empfindet das eigentlich schon als Selbstverständlichkeit. Wie sehen Sie das im Rückblick?

Horváth: Es ist die glücklichste Sache meines Lebens, dass ich das erleben und tatkräftig mitgestalten durfte. Unbescheidenerweise möchte ich betonen, dass ich zu den wenigen Leuten in Ungarn gehöre, die schon sehr viele Jahre vor der Wende die Notwendigkeit engerer Beziehungen zur damaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) betont haben . .

STANDARD: . . .und an entsprechenden Verhandlungen beteiligt waren.

Horváth: Von 1980 bis 1982 habe ich, mit anderen zusammen, unter Vermittlung des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt Geheimverhandlungen mit Brüssel geführt. Ungarns politische Führung hatte zu den deutschen Sozialdemokraten sehr gute Beziehungen. Parteichef János Kádár traf persönlich die Entscheidung, Verhandlungen mit der EWG sowie mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank aufzunehmen, nachdem in Ungarn die politischen und wirtschaftlichen Reformen schon begonnen hatten.

STANDARD: Ohne diese Vorgeschichte sind die Ereignisse im Sommer 1989 kaum zu verstehen.

Horváth: Immer mehr DDR-Bürger kamen nach Ungarn, sie wurden in Flüchtlingslagern untergebracht, 117 DDR-Bürger befanden sich in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Aber wie sollten wir als Ungarn dieses politische Problem lösen? Wir waren immerhin Mitglied des Warschauer Pakts, 150.000 sowjetische Soldaten waren in Ungarn stationiert.

STANDARD: Und dann kam es zum deutsch-ungarischen Geheimgipfel.

Horváth: Am 25. August auf Schloss Gymnich bei Bonn, auf Initiative von Ministerpräsident Miklós Németh, der mich gebeten hatte, das vorzubereiten, mit Bundeskanzler Helmut Kohl, seinem Berater Horst Teltschik und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Von ungarischer Seite waren Németh, Außenminister Gyula Horn und ich dabei. Wir schilderten die Lage Ungarns mit inzwischen 70.000 DDR-Flüchtlingen und forderten Kohl auf, das Problem zu lösen, denn es war ein innerdeutsches Problem. Kohl sagte, dass die DDR Verhandlungen ablehne, weil sie das für eine Angelegenheit innerhalb des Warschauer Pakts betrachte. Damit war der Ball wieder bei uns.

STANDARD: Wie wurde der Ausweg gefunden?

Horváth: Wir sagten: Herr Bundeskanzler, eines können wir ihnen versprechen: Wir werden die DDR-Bürger nicht abschieben, wir werden sie in den Westen ausreisen lassen. Aber der Zeitpunkt stand damals noch nicht fest. Kohl fragte drei Mal: Was verlangt die ungarische Führung dafür? Miklós Németh sagte: Demokratie kann man für Geld nicht kaufen, aber wir sind überzeugt, dass die Bundesrepublik einmal einen Weg findet, das zu erwidern.

STANDARD: Am 10. September wurde dann die Grenze für die DDR-Flüchtlinge geöffnet. Hat Ungarn sich dabei mit der Sowjetunion abgesprochen?

Horváth: Entgegen der Darstellung Helmut Kohls in seinen Memoiren: Nein, das ist überhaupt nicht wahr. Kohl beging eine große Indiskretion, die uns ins große Schwierigkeiten hätte bringen können. Wir vereinbarten in Gymnich absolute Geheimhaltung. Kohl hielt sich nicht daran und rief ein paar Stunden später (den sowjetischen Staats- und Parteichef) Michail Gorbatschow an. Er fragte ihn, ob er wisse, dass die Ungarn bei ihm gewesen seien und versprochen hätten, die Grenze zu öffnen. Dann schreibt Kohl in seinen Memoiren, nach einigen Sekunden Schweigen habe Gorbatschow gesagt: "Die Ungarn sind gute Leute." Daraus schloss Kohl, die ungarische Führung habe die Grenzöffnung mit Gorbatschow abgesprochen.

STANDARD: Was nicht stimmte.

Horváth: Was nicht stimmte. Kohl hat uns bei Gorbatschow verraten. Aber das haben wir erst viel später erfahren, und es hat uns natürlich sehr geärgert. Denn er hat damit sehr viel riskiert. Wenn in Ungarn nicht diese Reformführung gewesen wäre, wäre das nicht möglich gewesen, das steht hundertprozentig fest. Viel später hat mir Gorbatschow gesagt, dass der Dominoeffekt eigentlich durch die Öffnung der ungarischen Grenze Richtung Österreich ausgelöst wurde. Das führte zum Zusammenbruch des DDR-Regimes und übertrug sich auf die Tschechoslowakei, Rumänien und später Bulgarien.

STANDARD: Welche Rolle spielte Österreich in diesen entscheidenden Tagen?

Horváth: Österreichs Rolle war sehr, sehr wichtig und teilweise auch politisch riskant. Österreich stellte sein Territorium für den Transit der DDR-Flüchtlinge zur Verfügung, und das hätte seinen Neutralitätsstatus verletzen können. Deshalb war die österreichische Außenpolitik unserer Meinung nach großartig, indem sie das ermöglicht hat. Auch wenn man sich an den ungarischen Volksaufstand 1956 erinnert, als 250.000 Flüchtlinge nach Österreich kamen: In kritischen Zeiten der Weltgeschichte haben Österreich und Ungarn trotz der so genannten unterschiedlichen politischen Systeme durch ihre traditionellen freundschaftlichen Bande eine unwahrscheinlich starke Solidarität gezeigt. Das ist ein Beispiel dafür, wie stark die Zuneigung zwischen zwei Völkern sein kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 9. 2004)

István Horváth (61), promovierter Volkswirt, ist seit 2003 ungarischer Botschafter in Österreich. Als Berater der Regierung war er von 1978 bis 1983 maßgeblich an den Wirtschaftsreformen beteiligt. 1983 war er Botschafter in den Niederlanden, 1984-91 Missionschef in der Bundesrepublik Deutschland. Horváth ist mit einer gebürtigen Deutschen verheiratet und hat eine Tochter.
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