R. M. Rilke: "Malte Laurids Brigge"

10. September 2004, 20:26
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In dem 1910 veröffentlichten Roman träumte sich Rilke in die Gestalt eines dänischen Edelmannes hinein

Einen wundersamen Anfang nimmt die Kunst der literarischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Ihre Protagonisten entstammen bis zur Lebensunfähigkeit verfeinerten Familien, denen mit dem Vermögen auch das Blut ausgeronnen ist. Nun lauschen die bleichen Helden erschöpft auf den Lärm der Großstadt, der gnadenlos über das Schicksal der vom Fortschritt Vernichteten hinwegdonnert.

In dem 1910 veröffentlichten Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, der mit allen Traditionen des Erzählens brach, träumte sich Rainer Maria Rilke in die Gestalt eines dänischen Edelmannes hinein, der nach dem Bankrott seines Hauses versucht, in einer Pariser Dachkammer als Dichter zu leben.

Statt einer Handlung zu folgen, wird der Leser in die Welt der Wahrnehmungen und Reflexionen des Einsamen gelockt. Bilder aus einer vornehmen Kindheit voll gefährlicher Vorzeichen, grausige Eindrücke aus der Sphäre der Armen und Kranken und eine Prozession mittelalterlicher Monstren wie von einem halbzerfetzten flämischen Wandteppich schlingen sich ineinander.

Die Persönlichkeit des Brigge ist eine Projektionsfläche, die aus Vergangenheit und Gegenwart zugleich angestrahlt wird und so fließend im "Nicht mehr" und im "Noch nicht" verharrt wie Rilkes Sprache, der es auch in der Prosa gelingt, das singende Klagen der Enjambements zu bewahren.

Es ist diese Sprache, die den eigentümlichen Charakter der Aufzeichnungen ausmacht. Unter dem zwiefachen Ansturm der Außen-und der Innenwelt versucht sich der erfundene Dichter seiner Überwältigung mit verblüffenden Fügungen zu erwehren. Im Gemäuer eines Abbruchhauses "standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht. . ."

Er feiert die Farben der Verwesung: "Blau (verwandelt sich) in schimmliches Grün, Grün in Grau und Gelb in altes, abgestandenes Weiß, das fault." Das ist die Farbpalette des Jugendstils.

Rilke ist trotz somnambuler Blicke in die Historie eingegangen. Er nimmt teil an dem neuen ästhetischen Bewusstsein. Zur gleichen Zeit wie Marcel Proust ist er auf der Jagd nach dem flüchtigen Wild Realität, das sich nur im Dämmer auf den Lichtungen der Erinnerung beobachten lässt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Martin Mosebach
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    foto: süddeutsche bibliothek
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