Die Gedenkjahrsflut als Vermittlungschance

13. September 2004, 19:55
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Kulturpolitische Jahrestagung im Außenamt

Wien - "Wir leben in einer Welt kultureller Geopolitik. Das ist hart, aber es ist so." Mit diesem Worten eröffnete Emil Brix, Leiter der Kulturpolitik im Außenministerium, deren Jahrestagung. Der Härte wolle man mit einer mehrgleisigen Strategie begegnen, erfuhren die angereisten Kulturforumsleiter und sonstigen mit der Materie Befassten im Palais Liechtenstein: Der Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa werde beibehalten, wichtiger werdende Staaten wie vor allem China sollen verstärkt in den Fokus österreichischen Kulturexports rücken.

Botschafter Johannes Kyrle, kulturzuständiger Generalsekretär im Außenamt, skizzierte zehn Aspekte zum Motto der Tagung, "Auslandskultur zwischen Identität und Globalisierung". Sie gipfelten in der Aufforderung, die modernen Netzwerke noch mehr als Chance zu nutzen.

Die Teilnehmer werden es zu beherzigen wissen, ist doch der Kulturetat des Ministeriums zuletzt wieder angewachsen, auf fünf Millionen Euro jährlich. Allein der Intendant des Wiener Mozartjahres 2006, Peter Marboe, habe das sechsfache Budget, bemerkte Brix am Roundtable zum Thema "Wie gedenken, wie feiern". Tatsächlich hat Marboe einiges vor, obwohl es weder Beginn noch Abschluss des Feierns geben soll; dafür viel Nachdenken, Aufführungen gegenwärtiger Arbeiten, Film, Tanz, Symposien. Und Mozart flächendeckend.

Von einer Parallelaktion, die keine sein will, berichtete Inge Brodil, Generalsekretärin des Salzburger Mozartjahres. Zwar soll auch hier der Musiker in allen Spielarten zelebriert werden, doch unter stärkerer Einbeziehung des Tourismusaspekts und mit weniger Budget. Für "sein" Gedenkjahr habe er gar kein Geld, bekannte Hans Haider fröhlich. Er koordiniert das "Österreichjahr 2005" und somit fast 20 Anlässe, vor allem das Ende des Weltkriegs, den Staatsvertrag und das erste Dezennium EU-Mitgliedschaft.

Haiders Power-Point-Präsentation ließ ahnen, welcher Marathon den Bürgern bevorsteht. Was den Austrokoffer anbelangt, so hat laut Haider lediglich "die Werbekampagne manche Autoren verstört". Das Literaturpaket sei "in Wirklichkeit antiautoritär, dafür bürgt schon der Name Günther Nenning".

Nochmals 2006, diesmal als Gedenkjahr für Freud. Inge Scholz-Strasser, Leiterin des Freud-Museums und der Stiftung, plant unter anderem ein EU-Projekt mit London und Budapest, "das Wien zum Zentrum einer hochqualitativen Auseinandersetzung mit Sigmund Freud machen soll". Die Couch: Vom Denken im Liegen ist Thema einer geplanten großen Ausstellung. "Wer braucht die Gedenktage?", fragte Brix. Das Publikum dachte weiter: an ein Event übers Musikhören im Liegen. Eine Psychoanalyse von Don Giovannis Sadismus. Oder Frauen und Sexualität in Österreich 2005. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Von
Michael Freund
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