Äolstöne aus dem Alsergrund

18. November 2005, 15:38
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Doderer machte die Strudlhofstiege weltbekannt - in der beschriebenen Wohnung habe er die Straßenbahntöne und seine erste Frau kennen gelernt

Doderer machte die Strudlhofstiege mit seinem Werk weltbekannt. Roman David-Freihsl ging im Alsergrund den eigenartigen Tönen der Straßenbahn nach.

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Wien - Die im Alsergrund leben und ihren Heimat- oder Wahlbezirk lieben, haben das intus. Läuft es einmal ein wenig unrund, murmeln sie einfach zum Trost vor sich hin: "Viel ist hingesunken uns zur Trauer / und das Schöne zeigt die kleinste Dauer". So steht's bei ihnen ums Eck auf der Strudlhofstiege.

Jene wiederum, die im Haus Porzellangasse 44 wohnen, sind da noch ganz andere Experten und wissen sogar noch mehr, als Heimito von Doderer in der "Strudlhofstiege" beschrieb: "Das Haus Numero vierundvierzig in der Wiener Porzellangasse ist . . . die eine Hälfte eines Doppelgebäudes, aus zwei ganz gleichen Häusern, die zusammen ein symmetrisches Gebilde ergeben, eine beängstigende Bau-Art. Der Architekt hat denn auch Miserowsky geheißen, oder waren es zwei Brüder Miserowsky? Vielleicht sind sie Zwillinge gewesen, das möchte am passendsten sein."

Eine literarische Freiheit Doderers. Denn er musste wissen, dass die Architekten dieses Doppelhauses "Architekt u. Stadtbaumeister O. Luckeneder u. C. Miserowsky" waren und es also nicht von Brüdern erbaut wurde.

Straßenbahn wie eine Äolsharfe

In diesem Gebäude wohnt im Roman "E.P." in einem speziellen Zimmer: "Es erklang dieser Raum übrigens in einer seltsam hohlen und klagenden Weise wie eine Äolsharfe, wenn unten durch die lange und hier ganz gerade Gasse ein Straßenbahnzug rasch dahinglitt: denn das eine Ende eines quertragenden, starken Kabels, daran die Leitungen hingen, war in der Ecke des Hauses verankert, dicht beim Zimmer des kleinen E.P."

Den jetzigen Bewohnern braucht man das nicht erklären; denn oft schon sind sie von Literaturtouristen besucht worden. Frau Bucher, eine der Einwohnerinnen, braucht nur "Doderer" zu hören, schon kramt sie in ihrer Wohnung nach der Chronik dieses Hauses.

Doderer war nicht nur hier, so Frau Bucher; in der beschriebenen Wohnung habe er seine erste Frau kennen gelernt. Hier wohnte nämlich einer seiner Waffengefährten des Ersten Weltkrieges, "E.P." war Ernst Pentlarz.

Dieser Ernst Pentlarz nun, den Doderer in den 20er-Jahren immer wieder besuchte, war mit einer gewissen Gusti Hasterlik liiert. Bis zu einer Heurigenpartie am 24. Juli 1921. Nach diesem Beisammensein bei gutem Wein war alles anders. Und die Gusti heiratete später Heimito statt Ernst. Die von der Straßenbahn angeregten Töne in der Porzellangasse begleiteten Doderer auch im wirklichen Leben: "Wann immer ich später und anderswo diesen Ton hörte, ist E.P. in mir aufgestiegen, mit seinem Zimmer, seinen Büchern, seinem Charme, seinem Unglück . . . seiner Güte und seinem Wert", schrieb er in seinen Tagebuchnotizen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausagbe 11/12.9.2004)

  • Das Innere des Hauses Porzellangasse 44. Doderer verewigte es in der „Strudlhofstiege“ und erlaubte sich nicht nur im Roman ein paar kleine Freiheiten. Foto: Christian Fischer
    foto: christian fischer

    Das Innere des Hauses Porzellangasse 44. Doderer verewigte es in der „Strudlhofstiege“ und erlaubte sich nicht nur im Roman ein paar kleine Freiheiten. Foto: Christian Fischer

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