Dichter und andere Lügner

11. September 2004, 15:00
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Konrad Paul Liessmann, Initiator und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech, über das diesjährige Thema

STANDARD: Wie sind Sie auf "Der Wille zum Schein. Über Wahrheit und Lüge" gekommen?

Liessmann: Da hab' ich mir leicht getan. Keine Frage ist wohl in den letzten Jahren so heftig diskutiert worden wie das Verhältnis von Politik und Lüge, mit der Begründung des Irakkriegs als Fokus. Gleichzeitig gibt es auf akademischem Gebiet eine sehr intensive, nicht nur philosophische, auch soziologische, psychologische, sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, auch mit der Frage nach der Bedeutung der Lüge in unserem Alltag: Politik, Werbung, neue Medien, Statistiken, Fälschungen etc.

STANDARD: Wie stellen Sie die Liste der Vortragenden zusammen? Kennen Sie so viele Leute, die sich beruflich mit Lügen beschäftigen?

Liessmann: Na ja, die Auswahl erfolgt nach mehreren Gesichtspunkten. Zum einen soll immer ein/e SpezialistIn dabei sein, das wäre hier die Philosophin Simone Dietz aus Düsseldorf, die über die moralische Dimension referieren wird. Dann der interdisziplinäre Gesichtspunkt. Lech soll ja nicht auf einer rein akademischen Schiene mit entsprechenden Inzestdiskursen fahren. Diesmal fiel mir dazu ein, dass schon Platon den Dichtern vorgeworfen hat, dass sie Lügner sind. Also wird (der Germanist und Medienanalytiker) Jochen Hörisch diese Behauptung untersuchen. Josef Mitterer aus Klagenfurt wird über die Semantik der Lüge sprechen ("mit einem Exkurs über Wahr- und Falschnehmung") und Walter Homolka (Berlin) wird sie aus jüdisch-religiöser Sicht betrachten.

STANDARD: Beim "Impulsforum" vor der Tagung werden Politiker präsent sein. Wird das zur Gratwanderung zwischen Medium und Botschaft?

Liessmann: Da werden die Alltagserscheinungen des Themas behandelt, das in drei Bereichen immer wieder festgemacht wird: neben der Politik in den Medien (sowohl als Vorwurf wie als aufklärerisches Gegenmittel in Form des Aufdeckungsjournalismus) und in der Wirtschaft. Albert Hochleitner von Siemens Österreich wird das Forum leiten, Medien werden auch vertreten sein. Wenn ich an die Angelegenheit Siemens und VA Tech denke: Da könnte die Frage gestellt werden, was denn nun wirklich wahr war. (mf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 9. 2004)

8. Philosophicum Lech, 16.-19. September, Postgarage Lech. Es gibt noch einige Plätze: 05583 / 2161-235 oder per E-mail

16. September, 15:00 Uhr: Siemens-Impulsforum zum Thema "Mit der Wahrheit zum Erfolg?" mit Bundesministerin Elisabeth Gehrer, Günter Wallraff, Michael Inacker (DaimlerChrysler) und Gudrun Harrer (der STANDARD).
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