Verkauft und verraten

21. September 2004, 19:53
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Wie George W. Bush und Gesinnungsgenossen die Erinnerung an den Terroranschlag von New York für den republikanischen Wahlkampf nützt: Zornausbruch eines amerikanischen Liberalen - Kommentar der anderen von Garrison Keillor

Bush bewirbt sich um seine Wiederwahl auf der Basis einer Tragödie: der größte Fehlschlag der nationalen Verteidigung in unserer Geschichte, die Attacke am 11. September, in der 19 Männer mit Stanley-Messern unsere Nation ins Trudeln gebracht haben – ein Fehlschlag, dessen Details das Weiße Haus geheim halten wollte, auch, als es das Land bis zu den Radkappen in den Dreck gefahren hatte, dank den großzügigen Steuersenkungen für die Wohlhabenden.

Der einzige Zweck des Krieges, den wir zur Zeit führen, ist es, uns von der enormen Umverteilung abzulenken. Und die Täuschung funktioniert prächtig.

Die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen Weniger ist die Sterbeglocke für die Demokratie. Keine Republik in der Geschichte der Menschheit hat das überlebt. Und die Vorzeichen zu dieser Wahl sind alles andere als gut.

Unser geliebtes Land ist mit Angst eingenebelt worden. Ominöse Stille, Sirenen in der Ferne, das Getrommel geflüsterter Warnungen und Alarme sollen das Publikum irritieren und die Opposition zum Schweigen bringen.

Und in Zeiten unbestimmter Angst kann man hirnlose Richter ernennen, die Verfassung aushöhlen, die Macht von Kontrollbehörden beschränken, die staatliche Erziehung zum Stillstand bringen, die Presse vor den Kopf stoßen, und den Reichen großzügige Steuergeschenke machen

Dieses Wahljahr durchzieht ein übler Geruch. Der stammt nicht von der Stimmenauszählung damals in Florida, sondern rührt daher, dass wir immer wieder zu 9/11 zurückkehren.

Das war kein Sündenfall, kein historischer Wendepunkt oder eine kosmische Erscheinung; das war ganz einfach ein Versagen unserer Sicherheitsapparats. Und Patriotismus sollte die Menschen nicht davon abhalten, dem Mann, der damals angeblich für unsere Sicherheit sorgte, harte Fragen zu stellen.

Wann immer ich an die New Yorker denke, die am Broadway aus der U-Bahn steigen und, mit einer Morgenzeitung unter dem Arm, in ihr Büro im 90. Stock hasten, sehe ich zugleich diesen Nicht-Leser G. W. Bush vor mir, der sich einbildet, er könne diese Menschen mit einem kleinen kleinen Wirtschaftsaufschwung, vielleicht auch mit der Verhaftung Osama Bin Ladens, auf seine Seite ziehen, um das Land im zweiten Anlauf noch mehr umzukrempeln.

Wie immer werden die Republikaner auch dieses Jahre die Demokraten als verkniffene Akademiker, als eine Partei der Langweiler hinstellen. Und sie werden immer wieder die Bilder von den Feuerwehrmännern in Ground Zero abrufen und uns dabei erzählen, wie toll ihr Wirtschaftsprogramm ist.

Dieses Jahr aber steht die Nation auf dem Spiel. Eine Regierung im Dienste von Enron und Haliburton ist wohl nicht das, was Lincoln einmal vorgeschwebt ist.

Diese republikanische Primatenhorde hat uns bis zum Geht- nicht-mehr zum Narren gehalten: mit Terrorbekämpfung und Steuersenkungen, mit Schulpredigern und Wälder- Abholzen und Finanzbehörden-Austricksen und zur Hölle mit allen, die gegen sie sind.

Das ist ein großartiges Land, und wir haben die heilige Pflicht, es unseren Enkeln einmal in einem besseren zustand zu übergeben, als wir es übernommen haben. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und wir werden nicht jünger. – Dante sagte, dass der heißeste Platz in der Hölle für jene reserviert ist, die in Zeiten der Gefahr neutral bleiben. Ich habe meinen Beitrag geleistet, und ich danke dir, lieber Leser, für deine Aufmerksamkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Garrison Keillor, geboren 1942 in Minnesota, betreibt seit 30 Jahren eine Samstagnachmittag-Show im öffentlichen Radio NPR, die bis zu drei Millionen Hörer verfolgen; Keillor, ein Liberaler aus dem als republikanisch geltenden Heartland der USA, ist auch als Autor erfolgreich. Einige seiner mittlerweile elf Bücher sind auf Deutsch erschienen (zuletzt "Es könnte schlimmer sein" bei Zsolnay), er veröffentlicht zudem regelmäßig in "Time" und im "New Yorker".
  • Garrison Keillor: Seine Show im öffentlichen Radio NPR wird von Millionen Hörern verfolgt.

    Garrison Keillor: Seine Show im öffentlichen Radio NPR wird von Millionen Hörern verfolgt.

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