"The Village": Abgründe falscher Wahrnehmung

26. März 2005, 22:41
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"The Village"-Regisseur M. Night Shyamalan im STANDARD-Interview über das Missverstehen seines neuesten Films

Im verunsicherten Amerika, wo alle Seiten gern klare Ansagen hätten, thematisiert M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") Angst in rätselhaften Thrillern - und wird dafür von allen Seiten missverstanden. Claus Philipp sprach mit ihm über seinen neuen Film "The Village".


STANDARD: Mr. Shyamalan, Ihre Filme spielen in durchaus zwiespältiger Weise mit der US-Gesellschaft und ihren Ängsten. Ein Beispiel nur - das letzte Bild aus Ihrem letzten Film: Mel Gibson, nach einer Begegnung mit Außerirdischen wieder gläubig geworden, im Priestergewand . . .

M. Night Shyamalan: Ja, und dann - Schnitt! - dreht er Die Passion Christi. Ich kann dazu nur sagen: Tatsächlich habe ich ihn damals besetzt, weil ich hörte, dass er ein sehr gläubiger Mensch ist. Ich wollte aber gar keinen Film über orthodoxe Religion drehen, sondern über Vertrauen.

STANDARD: Dabei kann sich der Zuseher bei Ihnen auf rein gar nichts verlassen. Ihr neuester Film The Village wurde in den US-Kinos als mystischer Thriller beworben, ist aber eher (und auch das sehr doppelbödig) ein Kostümmelodram.

Shyamalan: Das ist zuerst einmal eine Marketingfrage. Auch wir versuchen das Publikum natürlich über Erwartungshaltungen - ich stehe wohl für "kalte Schauder", Stichwort: "Twilight Zone" - zu erreichen. Man wird schon sehen, ob die Art, in der ich als Erzähler darüber hinaus "wachse", akzeptiert wird. Es wäre mir deshalb auch nicht recht, würden Sie Ihren Lesern mehr verraten als: Es geht um eine Dorfgemeinde im Jahr 1897, umgeben von feindlichen Kreaturen in den umliegenden Wäldern, derentwegen man das Dorf nicht verlassen darf oder alles, was rot ist, vermeiden soll. Und dann . . .

STANDARD: Haben Sie nicht selbst das Gefühl, dass Ihre Methode der überraschenden Kippeffekte (siehe schon den "toten" Helden in "Sixth Sense") verhindert, dass Ihre Filme in vollem Ausmaß auch als politisch interessante Gesellschaftsstudien besprochen werden? Abgrenzungs- und Abwehrmechanismen in einer feindselig empfundenen Welt - darüber erzählt "The Village" doch teilweise eloquenter als "Fahrenheit 9/11".

Shyamalan: Sie meinen: Man müsste von vornherein die Pointe verraten dürfen? Ich bin aber in einem Sommer wie diesem, in dem alles auf die Waagschale gelegt wird, gar nicht so erpicht auf "politische" Interpretationen. Obwohl: Es gibt jetzt schon Kritiker, die angesichts meines bedrohten Dorfes sagen, dies sei ein Anti-Bush-Film.

Das würde den Konflikt, den ich da entfalte, aber sehr vereinfachen: Es geht ja nicht nur darum, ob hier Dorfälteste vielleicht ihre Gemeinde anlügen. Es geht auch darum, wie hoch der Leidensdruck gewesen sein mag, aus dem gewisse Bedrohungsszenarien erst entstehen. Wenn ich das erzähle, will ich mich nicht von irgendeiner Seite vereinnahmen lassen. Und sehr oft sehen Sie in meinen Filmen ja auch, dass man auf der Basis "falscher" Vorstellungen zu "wahren" Gefühlen findet.

STANDARD: Angst - was ist das für Sie in diesen angstbesessenen Zeiten?

Shyamalan: Ich kann es am besten mit dieser Situation in einem undurchdringlichen Wald vergleichen. Alle Sinne sind überreizt, man tendiert dazu, sich selbst nicht mehr zu trauen. Sicherheit kommt erst auf, wenn man sich Klarheit verschafft hat, das Gelände sondiert hat. Aber gelingt dies jemals in zureichendem Maße? Gibt es nicht noch eine Außenperspektive, aus der heraus die Situation kippt? Meine Charaktere blicken am Ende oft in einen Abgrund falscher (Selbst-)Wahrnehmung und Schlüsse.

Meine Tochter wurde einmal gefragt: Was ist Mut? Sie sagte: keine Angst zu haben. Da habe ich ihr widersprochen: Mut ist, wenn man sich von seiner Angst nicht unterkriegen lässt. Und sehen Sie, wenn man das sagt, läuft man auch schon wieder Gefahr, missverstanden und vereinnahmt zu werden. Aber die prinzipielle Offenheit und Verletzlichkeit dieser Intuition, die reizt mich. Und sie hält meine Filme wohl auch in der Schwebe.

STANDARD: Ihre Filme zitieren, ähnlich wie die von Peter Weir ("Picknick am Valentinstag"), eine sehr zivilisierte Verunsicherung, wie Sie einst schon Geistergeschichten des 19. Jahrhunderts zelebrierten. Was mögen Sie daran?

Shyamalan: Tatsächlich habe ich etwa ein starkes Faible für Zeiten, in denen man sich noch in Schale geworfen hat. Überhaupt: Ich liebe Formalismen. Nicht umsonst bin ich ein großer Fan von Stanley Kubrick und Alfred Hitchcock. Am liebsten würde ich im Anzug und mit Handschuhen arbeiten. Es wertet die Dinge, die man tut, einfach auf.

Sigourney Weaver zum Beispiel musste in The Village ein langes Kleid tragen, das durch den lehmigen Boden schmutzig geworden wäre, wenn sie es nicht hochgerafft hätte. Die Kostümbildner wollten es also kürzen. Aber das ist genau der Punkt: Es geht nicht nur darum, dass man irgendwie durchs Bild geht, sondern dass man gleichzeitig auf die Dinge achtet. Wenn etwa im Film ein Mann einer Frau eine gewisse Zuneigung beweist, indem er sie gerade nicht berührt: Eine derartige Klarheit der Formen kann man heute lange suchen.

STANDARD: Erklingt für solche Aussagen nicht auch wieder Applaus aus der falschen, puritanischen Ecke?

Shyamalan: Vielleicht. Weil jeder nur heraushört, was er gerne hören will. Also rufen die einen: Anti-Bush! Bravo! Und die anderen: Reaktionär! Über allem liegt gegenwärtig eine Grauzone von Unverbindlichkeiten und Empfindungslosigkeit, in der viele nicht mehr wissen, welche Zeichen sie wie setzen - und vor allem: wie man sie liest. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Zur Person:

M. Night Shyamalan,
1970 in Pondicherry, Indien, geboren - er ist eines der Wunderkinder des zeitgenössischen Hollywood-Kinos. Nachdem seine ersten beiden Filme sang- und klanglos floppten, landete er mit dem parapsychologischen Thriller "The Sixth Sense", an den das Studio selbst nicht wirklich glaubte, einen Megaerfolg.

Mit "Unbreakable" und "Signs" zog Shyamalan weiter die Register des Unheimlichen. Er ist heute vielleicht der populärste US-Gruselexperte neben Stephen King.
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    M. Night Shyamalan, Regisseur und Autor.

  • Fast ein Märchen aus einer Zeit, in der ein böser Wolf im Wald lauert - aber Rot ist verboten: M. Night Shyamalans jüngster Film "The Village".
    foto: buena vista

    Fast ein Märchen aus einer Zeit, in der ein böser Wolf im Wald lauert - aber Rot ist verboten: M. Night Shyamalans jüngster Film "The Village".

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