Die Flucht ist nie zu Ende

17. September 2004, 18:42
7 Postings

Panische Angst - vor jeder Uniform, vor Hunden, vor Maschinenpistolen, vor dem Gefängnis, wenn es nicht klappt: Das machte jeder Flüchtling durch

Als ich Jürgen Winkelmann zum ersten Mal traf, sah er aus wie ein Landvermesser. Feldstecher um den Hals, Kompass am Gürtel, in der Hand eine Landschaftsskizze. Die Kinder schliefen fest. Es war mitten in der Nacht auf dem Zeltplatz von Sopron. Er bereitete sich mit seiner Frau Petra auf die schwerste Entscheidung ihres Lebens vor. Sie wollten "rüber".

Ein vorsichtiger und genauer Mensch ist er geblieben: "Hallo Herr Mayer, wir begegneten uns auf der Flucht von Sopron nach Mörbisch. Ich bin Klaus laut ihrem Artikel im Standard vom 23. August 1989, Seite 5", schreibt er in einer E-Mail, "Sie fuhren in meinem Wagen mit. Ich würde mich über einen Gedankenaustausch freuen."

Das war vor drei Wochen - das erste Lebenszeichen nach fast fünfzehn Jahren, und im Ton doch stark untertrieben.

Die angesprochene "Begegnung" war keine zufällige Autostopperepisode im österreichisch-ungarischen Grenzland, als der Eiserne Vorhang fiel. Mit Jürgen alias Klaus verbindet mich die Erfahrung minutenlanger Todesangst und überwältigender Gefühle der Freiheit, als alles vorbei war. Wir sind im Morgengrauen gemeinsam durch ein Loch im Stacheldrahtzaun hinter Sicherheitsstreifen und Hundekorridor von Ungarn nach Österreich gekrochen, eine Gruppe von vier jungen Ehepaaren mit sechs Kindern im Alter zwischen drei und neun. Ich war ihr Anführer und Wegsucher, der die Pfade durch die Weinberge von Fertörakos und den Grenzwald bis auf Mörbischer Gemeindegebiet sehr gut kannte.

So was vergisst man nicht. Die Flucht ist nie zu Ende. Aber wir haben uns trotzdem aus den Augen verloren. Die Notizen mit den "Klarnamen" gingen im Wald verloren.

Die Furcht vor der "Stasi" - dem geheimen Staatssicherheitsdienst - war immer dabei. Wenn DDR-Flüchtlinge Uniformen, Wachhunde oder Maschinenpistolen sahen, zitterten sie. Echte Namen sollten daher niemals veröffentlicht werden, aus Sorge um die Angehörigen in der DDR. Auf "Republikflucht" standen drei Jahre Zuchthaus. Wer konnte Mitte August 1989 voraussehen, dass Ungarn am 10. September seine Grenze für Zehntausende Ausreisewillige öffnen würde, die DDR sich auflösen werde? Daher hieß Jürgen Klaus und Petra Gabi.

Noch vom Gendarmerieposten Mörbisch aus rief Jürgen seinen Schwager in der DDR an: "Deine Schwester ist schwanger." So wussten die Verwandten, dass die Flucht geglückt war. "Schon als Student entwickelte ich die Fähigkeit, Wahrheiten durch die Blume zu sagen und dabei stets die Grenzen auszuloten. Ich genoss es, in Marxismus-Leninismus die Note 1 zu bekommen und trotzdem standfest jeder SED-Parteimitgliedschaftsanwerbung zu trotzen", mailt Jürgen. Im Zeugnis stand einmal, er müsse seinem "Klassenstandpunkt noch deutlicher Ausdruck verleihen". Man schickte ihn zum Studium der Schienenfahrzeugtechnik.

"Fahnenappell" in der Pause, schlechte Noten wegen kritischer Haltung waren ihm ein Gräuel. "Ich spürte wie eine Zwangsjacke, dass ich nicht überall meine Meinung sagen konnte", schreibt Jürgen. Das Leiden am Fehlen der Freiheit - das war der Kern in praktisch allen Berichten von Flüchtlingen. Daran ist die Deutsche Demokratische Republik zerbrochen. "Die einzigen Reisen, die du machen kannst, sind die im Kopf. Mit der Zeit hältst du das nicht aus, daran zerbrichst du", erzählte eine Studentin.

Auch in Jürgen, Petra und Marleen Winkelmann saß das tief: "Nie wieder Angst vor der Polizei", stammelte eine aus der Gruppe, als wir im Wald von Mörbisch alle weinten. "Mir ging es darum, die Würde nicht zu verlieren", schreibt Jürgen, der inzwischen weiß: "Auch im Westen lebt es sich mit weniger Stolz" - er meint Würde - "besser. Genau da muss jeder Mensch seine eigenen Grenzen finden und verantworten."

Die Winkelmanns sind in Köln gelandet und geblieben. Jürgen begann als Bierausführer. Sie gingen durch "harte, mittellose Jahre", am Anfang mit Bierkisten als Möbelersatz. Noch schlimmer war die innere Not. Den Zusammenbruch der DDR erleben sie vor dem Fernseher: "Ich hatte das Gefühl wieder zurück zu müssen, um dort etwas zu Ende zu bringen", sagt Petra. Sie spüren Verantwortung. Sie hätten gerne mitdemonstriert. "Zusammengehörigkeitsgefühl hatten DDR-Bürger", räsoniert Jürgen, "Mitverantwortung, das kennen heute wenige in Deutschland, selbst dort, wo es wenig Mühe macht wie bei der Wahrnehmung des Wahlrechts". Lange noch nagten die Zweifel, ob die Entscheidung richtig war: "Uns hat die Weltgeschichte überholt." Für kurze Zeit kehren sie sogar nach Leipzig zurück.

Das hat sich gelegt. "Heute weiß ich besser als vor unserer Flucht, dass ein absolut selbstbestimmtes Leben Utopie ist", aber Jürgen ist "froh, dass ich meine Meinung kundtun kann, um zu verändern". Und wenn das alles nicht gelingt? "Da ist er wieder der Gedanke an Flucht, die Erinnerung daran", mailt Jürgen.

Heute arbeitet er bei der Kölnmesse als Leiter der Versorgungstechnik, Petra in einem Wirtschaftsinstitut. Marleen ist jetzt 24, hat ein amerikanisches und ein deutsches Abitur, ist ausgebildete Fachinformatikerin und studiert derzeit Wirtschaftswissenschaften in Köln. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 9. 2004)

Share if you care.