Ausstellung mit schwerer Identitätskrise

10. September 2004, 18:57
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Was will die Avantgarde in der alten Stadt? Rück- und Ausblicke von Oliver Elser

Kurt W. Forster, der Direktor der diesjährigen Architekturbiennale, die am Sonntag eröffnet wird, ist nicht zu beneiden. Die Erwartungen sind groß, das Budget "dünn wie Spaghetti" (The New York Times), und die Architekturszene ist so unübersichtlich wie selten zuvor. Aber das ist noch nicht alles: Seit mindestens drei Durchgängen wird die Architekturbiennale von einer Identitätskrise gebeutelt - trotz stetig wachsender Besucherzahlen (zuletzt rund 100.000) und obwohl sie sich mittlerweile in einem stabilen Zweijahresrhythmus eingependelt hat. Der Schatten der Vergangenheit ist übermächtig, er lastet düster auf der Ausstellung, die schwer daran trägt, jedes Mal mit der legendären, ersten Architekturbiennale des Jahres 1980 verglichen zu werden. Damals hatte die in vollem Saft stehende Postmoderne die europäische Bühne betreten und mit der "Strada Novissima" eines ihrer Manifeste in das bis dahin leer stehende Gelände des Arsenale gestemmt. Wo einst Schiffe gebaut und Taue gedreht wurden, die Venedigs Seeherrschaft sicherten, dort blies man zum Angriff auf die ohnehin schon recht brüchige Festung der modernen Architektur. Wie beim venezianischen Karneval streiften die Architekten den Stahl- und Betonskeletten ihrer Häuser lustige Verkleidungen über und feierten "Das Ende des Prohibitionismus", wie der damalige Direktor Paolo Portoghesi im Katalog die Lage zusammenfasste.

Die Party dauerte in Venedig noch bis zum Ende des Jahrzehnts. Dann kümmerten sich nur noch Walt Disney und die osteuropäischen Emporkömmlinge um die Postmoderne. Die Architekturbiennale in Venedig verlor ihr Stammpublikum und auf dem unwegsamen Gelände der Gegenwartsarchitektur von da an völlig die Orientierung.

Vielleicht ist Venedig auch einfach der falsche Ort, um neue Architektur zu präsentieren. Die Stadt hat sich dem Baugeschehen der vergangenen 200 Jahre strikt verweigert. Venedig sei "Salzburg im Salzwasser", maulte unlängst Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. Nur ist genau das der Grund, warum es überhaupt zu dem Phänomen Architekturbiennale kommen konnte.

Mit daran schuld ist auch, dass dort seit 1895 die Kunstbiennale stattfindet. Sie war das künstlerische Pendant zu den großen Weltausstellungen des neunzehnten Jahrhunderts und wurzelt in einer nationalistischen Kultur des Wettstreits, die sich darin äußerte, dass jedes teilnehmende Land für "seine" Werke einen eigenen Pavillon in den Giardini errichtete. Mit der Zeit trat der kämpferische Geist in den Hintergrund, aber Venedig war als Kunst- und seit 1934 auch als Kinofestivalstadt etabliert.

Um das Jahr 1968 herum war die Architekturfakultät von Venedig einer der Brennpunkte der Studentenrevolte. Hier lehrte Aldo Rossi, wurde wegen marxistischer Betätigung aber vor die Tür gesetzt. Das konnte nicht verhindern, dass Venedig sich zu einem der europäischen Brückenköpfe einer kulturellen Erneuerungsbewegung entwickelte, die in den USA auf den Namen "post-modernism" getauft wurde. Venedig muss den Kritikern der Moderne als Insel der Glückseligen erschienen sein. Für den Versuch, der zeitgenössischen Architektur ein neues Fundament in der Vergangenheit zu schaffen, war kein besserer Rahmen denkbar. "La presenza del passato" (Die Gegenwart der Vergangenheit) lautete der programmatische Titel der ersten Architekturbiennale im Jahre 1980. Bei einem Weihnachtsmarktbesuch in Ostberlin war zuvor die Idee geboren worden, eine kleine Stadt ins Zentrum zu stellen. Als Antwort auf die Halle der ehemaligen Seilerei entstand die "Strada Novissima" mit ihren zwanzig Fassaden, entworfen von der Führungstruppe der postmodernen Architektur: Robert Venturi, Leon Krier, Hans Hollein, Oswald Mathias Ungers und anderen. Aber auch Frank Gehry und Rem Koolhaas marschierten damals mit. Die neue Richtung trat im Maßstab 1:1 vor das Publikum, angreifbar in jeder Hinsicht. Auch Rossi war zurückgekehrt, mit dem schwimmenden Welttheater, dem wahrscheinlich einzigen Bau der Postmoderne, der es verdient, "poetisch" genannt zu werden.

Bei den nächsten Biennalen sollte gleich ganz Venedig einbezogen werden. 1985 hatten sich alle Teilnehmer an einer Art fiktivem Architekturwettbewerb für zehn Orte in der Stadt und im Veneto zu beteiligen. Doch Venedig zeigte sich auch den postmodernen Entwürfen gegenüber so resistent wie gegenüber allen anderen architektonischen Modeerscheinungen.

1996, bei der sechsten Biennale und der zweiten, bei der die Länderpavillons mit einbezogen wurden, stellte Direktor Hans Hollein die Antennen auf Empfang und wählte als Motto "Sensing the future - The architect as seismograph". Was nun nach Venedig verfrachtet wurde, hatte mit der Stadt selbst nichts mehr zu tun. Holleins Biennale verkündete Aufbruch und Optimismus. Sonderausstellungen zeigten die "Renaissance der Bahnhöfe" und visionäre Architekturkonzepte der Fünfziger- bis Siebzigerjahre. Nun schien die Zeit gekommen, endlich zu bauen, was Gruppen wie ARCHIGRAM oder auch Hollein selbst seinerzeit nur gezeichnet hatten.

Die Biennale wurde zum Großereignis, nur ging gänzlich die Orientierung verloren, was die Architektur zu den kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der globalisierten Welt noch an Antworten zu bieten hat. 2000 und 2002 schlug die Suchbewegung der Biennale in zwei extreme Richtungen aus. Zuerst versuchte Massimiliano Fuksas die Architektur auf "Less aesthetics, more ethics" zu polen, was aber als "des gut Gemeinten zu viel" (NZZ) oder gar als "Hybris, die den Architekten zum Retter der Welt verklärt" (FAZ) zurückgewiesen wurde. Vor zwei Jahren war das Thema schlicht "Next". Die meisten Teilnehmer sahen sich aufgefordert, einfach Bilder vom nächsten Projekt auszudrucken. Streckenweise fühlte sich der Besucher wie auf einer Immobilienmesse.

Einiges spricht dafür, dass die nunmehr neunte Architekturbiennale unter dem Titel "Metamorphosen" einen intelligenteren Weg findet. Der Direktor Kurt W. Forster hat als Wissenschafter und Ausstellungsmacher, zuletzt an der ETH Zürich und am Canadian Centre for Architecture, ausreichend Erfahrung gesammelt und scheint zu wissen, dass sich die Architektur mittlerweile meilenweit von der "Strada Novissima" entfernt hat, das Publikum in Venedig aber andererseits auch nicht dieselbe Flachware sehen will wie zu Hause in den Architekturzeitschriften. Zwölf Künstler und Architekten wurden daher mit raumfüllenden Installationen beauftragt, in denen die Metamorphose, der die Architektur zweifellos unterliegt, ohne dass eine Richtung erkennbar wäre, wenigstens mit prägnanten Versuchsanordnungen anschaulich gemacht werden soll. So wird etwa der Japaner Kengo Kuma einen traditionellen Zen-Garten anlegen, dessen Kiesfläche aber nicht von Mönchen, sondern von einem Roboter geharkt wird. Mit diesen Interventionen will Forster die Ausstellung aufbrechen und unerwartete Begegnungen im großen Maßstab schaffen. Pläne und Modelle wird es ohnehin wieder in großen Mengen zu sehen geben.

Wie bei jeder Biennale ist das Motto auch für die Länderpavillons eine thematische Vorgabe, doch was letztlich dort präsentiert wird, liegt in den Händen von Kuratoren wie Marta Schreieck, die vier Architektengruppen und einen Bauherrn für den Österreichischen Pavillon ausgewählt hat. AllesWirdGut, Pool, Querkraft und the next ENTERprise teilen sich den Bau mit der Tiroler Supermarktkette MPreis, die wiederum mit diversen Architekten zusammenarbeitet. Erst war geplant, die vier Teams, die laut der Architektin Schreieck stellvertretend für die junge Szene in Österreich stehen, auf ein gemeinsames Projekt zu verpflichten. Nun sind doch vier Einzelpräsentation daraus geworden, verbunden durch einen neuen Bodenbelag von AllesWirdGut, der die Besucher über eine Rampe in den Pavillon hineinführt. Eine "Bude", die sich aus der Rampe herausfaltet, wird in den kommenden Wochen weiteren Jungarchitekten zur Verfügung gestellt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

  • Was dem einen seine Säule, ist den anderen eine Semmel: Hier Hans Holleins Beitrag für die legendäre "Strada Novissima" der 1. Architekturbiennale und ...
    foto: atelier hollein

    Was dem einen seine Säule, ist den anderen eine Semmel: Hier Hans Holleins Beitrag für die legendäre "Strada Novissima" der 1. Architekturbiennale und ...

  • ...hier der Platz mit Bude, den AllesWirdGut 
heuer an den österreichischen Pavillon kleben.
    illustration: alleswirdgut

    ...hier der Platz mit Bude, den AllesWirdGut heuer an den österreichischen Pavillon kleben.

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