Interview: "Akzeptieren, dass etwas Verbindendes nicht möglich ist"

10. September 2004, 18:47
posten

Kuratorin Marta Schreieck über den Österreichischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig

STANDARD: Frau Schreieck, die von Ihnen zusammengestellte Ausstellung im österreichischen Pavillon trägt den Titel "Gegen den Strom". Das klingt nach Konfrontation. Gegen welchen Strom wollen Sie oder die ausgewählten Teilnehmer denn schwimmen?

Marta Schreieck: Wir mussten bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt das Motto festlegen. Ich wollte zeigen, wie eine junge Architektengeneration neue Wege sucht, Dinge hinterfragt und ganz anders an die Architektur herangeht. So kam der Titel zustande, der dann stehen blieb. Noch besser als zu den vier Architektenteams aber passt er zu MPreis. Die Tiroler Supermarktkette habe ich ausgewählt, weil sie gegen die Konventionen dieser Branche ein sehr ambitioniertes Architekturprogramm verfolgt, das aber dennoch ganz hervorragend funktioniert. Die einzelnen Märkte sind nicht aus einer Corporate Identity heraus entwickelt, sondern zeigen jeweils ganz individuelle, eigenständige und unkonventionelle Lösungen, für die eine Vielzahl von Architekten verantwortlich ist.

STANDARD: Stehen die ausgewählten Architektengruppen stellvertretend für die junge Szene in Österreich? Und könnten Sie sie mit jeweils einem Satz charakterisieren?

Schreieck: Es ist sicher nicht möglich, die Gruppen als Stellvertreter zu präsentieren, dafür ist die Szene zu verschieden. Zur Charakterisierung: The nextENTERprise gehen experimentell-forschend vor. AllesWirdGut, die jüngsten, die auch den Platz vor dem Pavillon gestaltet haben, gehen sehr spielerisch vor, beschäftigen sich stark mit öffentlichem Raum und Städtebau. An der Gruppe Pool hat mich interessiert, dass Architektur nicht nur für vorgegebene Nutzungen eine Form finden, sondern diese Nutzung selbst auch verändern kann, wie das in der Kombination aus Bar und Schlosserei in Trumau geschehen ist. Querkraft gehen pragmatisch und konkret an Bauaufgaben heran, sind aber sehr unkonventionell in Material und Detail.

STANDARD: Ihr ursprüngliches Konzept sah vor, dass die vier Gruppen eine gemeinsame Arbeit machen sollten, es war an eine Installation gedacht. Jetzt präsentiert jeder in seiner eigenen Ecke - was ist passiert?

Schreieck: Das war für mich ein Lerneffekt, ich habe akzeptieren müssen, dass die Gemeinsamkeiten nicht so groß sind, dass etwas Verbindendes möglich ist. Es sind Einzelpositionen, so werden sie jetzt auch gezeigt.

STANDARD: Der Raum, in dem die MPreis-Märkte gezeigt werden, versammelt viele Modelle und schöne Skizzen, aber man hat fast den Eindruck, es könnte sich dabei auch um lauter kleine Museen handeln.

Schreieck: Das ist doch ein Kompliment! Wir haben uns entschieden, die realisierten Märkte nur als wechselnde, an die Wand projizierte Bilder zu zeigen. Wichtiger war uns, die sehr unterschiedlichen Herangehensweisen, die zum Entstehen der Projekte geführt haben, zu präsentieren und nicht das fertige Produkt.

STANDARD: War der österreichische Pavillon denn schwer zu bespielen? Wolf Prix meinte unlängst, der Bau wäre schrecklich und völlig ungeeignet.

Schreieck: Nein, ganz und gar nicht. Es ist aber nicht einfach, eine durchgängige "Erzählung" darin aufzubauen, weil die Achse des Eingangs den Pavillon in zwei Hälften teilt. Aber durch den neuen Boden ist wenigstens temporär nun doch ein zusammenhängender Raum entstanden. Wie man sieht, ist Architektur auch mit bescheidenen Mitteln möglich. (oel/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marta Schreieck zeigt "Einzelpositionen" im Österreich-Pavillon.

Share if you care.