Kopf des Tages: Jean-Claude Juncker

20. September 2004, 16:32
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Paradeeuropäer als neuer "Mister Euro"

Er hätte bloß Ja sagen müssen – dann wäre der Chefsessel der EU für ihn reserviert gewesen. "Alle wollten Juncker", sangen die Staatschefs Europas im Frühsommer ein Loblied auf Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker. Allein, er erhörte es nicht – weil er zur Gruppe der Politiker gehört, die sich an Wahlversprechen auch nach der Wahl erinnern können. Juncker hatte seinen Luxemburgern zugesagt, im Land zu bleiben, war wiedergewählt worden – und ließ sich danach nicht auf den Posten des EU-Kommissionspräsidenten weglocken.

Einstimmige Wahl

Am Freitag sagte er nicht Nein. Das Amt des Eurogruppen-Vorsitzenden ist neben seinem Hauptjob als Luxemburgs Premier zu führen – also ließ sich Juncker zum ständigen "Mister Euro" küren. Einstimmig. Nicht einmal Österreichs Karl-Heinz Grasser, künftig sein Vize, hatte mehr Bedenken.

Die wären auch schwer zu argumentieren gewesen: Niemand anderer wäre geeigneter gewesen, die Eurogruppe sichtbarer und gewichtiger zu machen als der Paradeeuropäer Juncker. Trotz seines für Politikerverhältnisse vergleichsweise zarten Alters von 49 Jahren ist der gelernte Anwalt der längstdienende Regierungschef der EU und kennt jede Verästelung des Brüsseler Betriebes. Seit 1982 sitzt der leicht zerknautsche Bill-Gates-Typ in Luxemburg auf der Regierungsbank und reist zu EU-Treffen, seit 1989 amtiert er als Finanzminister, seit zehn Jahren führt er zudem die Regierung. Und trotz dieser langen Politikerjahre ist ihm das seltene Kunststück gelungen, sich keine Feinde oder Neider zu schaffen – sondern in allen Lagern lautstark gelobt zu werden.

Das mag an Junckers moderater Art liegen, mit der er in heiklen Materien vermittelt – und so etwa beim 24-stündigen Verhandlungsmarathon in Dublin 1996 zu einem Vater des Stabilitätspakts wurde. Das mag an seinem sarkastischen Humor liegen. Oder an seiner Schlagfertigkeit, die er fließend auf Deutsch, Englisch oder Französisch beweisen kann. Damit schwimmt er gekonnt zwischen den Kulturen der früheren deutsch-französischen Erbfeinde.

Respekt

Der Respekt, der dem verheirateten Juncker von Politikern verschiedenster Couleurs entgegengebracht wird, kann auch darin wurzeln, dass der übermütige Egghead viele politische Wurzeln hat. Sein Vater war Stahlarbeiter und Gewerkschafter; er selbst ist reformfreudiger Christlichsozialer, aber durchaus mit Betonung auf "Sozialer". So sind für ihn Finanz- und Beschäftigungspolitik nur zwei Seiten derselben Medaille.

All seine Führungsqualitäten wird der zielstrebige Blitzgneißer aus Luxemburg künftig gut brauchen können. Soll er doch als Mister Euro mithelfen, ein ehrgeiziges Ziel zu erreichen: Europa zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. (Eva Linsinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.9.2004)

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