Die drei Arten der amerikanischen Angst

16. September 2004, 08:01
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Der US-Wahlkampf pendelt zwischen der Furcht vor Terror und der Furcht vor allumfassender staatlicher Kontrolle

Welche Rolle wird der Angstfaktor bei den kommenden US-Wahlen spielen? Dies war der Gegenstand einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion, die diese Woche im Umfeld des dritten 9/11-Gedenktags in der New Yorker "Ethical Society" über die Bühne ging.

Der australische Bioethiker Peter Singer hat sein jüngstes Buch George W. Bush gewidmet, den er als "Präsidenten des Gut und Böse" bezeichnet.

In dreißig Prozent der Reden von Bush, so Singer, werde dieses Gegensatzpaar angesprochen, und in neunzig Prozent dieser Fälle verwende Bush das Wort "Böse" nicht als Eigenschaftswort, um etwa eine Handlung oder den Charakter einer Person zu beschreiben, sondern als Hauptwort ("Kräfte des Bösen", "Achse des Bösen" usf.).

Damit erscheine das Böse gleichsam als Personifikation, als ein Akteur, der selbst in die Weltgeschichte eingreift.

"Ich zweifle nicht daran, dass das dem persönlichen Glauben von Bush entspricht. Aber es ist auch politisch sehr bequem für ihn", meint Singer. Vor allem bei dem wichtigen Wählersegment apokalyptisch gestimmter fundamentalistischer Christen kann Bush damit punkten.

Das Wall Street Journal hat die Anzahl der Fundis, die 2000 nicht zur Wahl gingen, mit etwa 4 Millionen beziffert (105 von 196 Millionen Wahlberechtigten haben gewählt). Selbst wenn nur ein Bruchteil von ihnen diesmal Bush wählt, könnte dies entscheidend sein.

Nadine Strossen, Anwältin und Präsidentin der Bürgerrechtsbewegung ACLU zeigt sich besorgt, dass die Regierung ihre "überzogene Reaktion" auf 9/11 noch verschärfen wolle.

Man dürfe nicht vergessen, dass der "Patriot Act", jenes 350 Seiten starke Gesetz, das der Regierung zig legale Einblickmöglichkeiten in die Privatsphäre der Bürger verschafft hat, im Herbst 2001 in einem Klima der Panik durchgeboxt worden sei.

Abgeordnete, die sich durch die damals in Washington DC eingelangten Anthraxbriefe persönlich bedroht fühlten, seien von Regierungsvertretern ins Gebet genommen worden: Wenn sie diesem Gesetz, das "schlechteste, das je durch den Kongress ging" (Strossen), nicht zustimmten, werde im Fall neuer Anschläge "Blut an ihren Händen kleben".

Strossen glaubt, dass die Politlandschaft der USA heute von drei Angstschichten überlagert ist: Der Angst vor dem Terror selbst, der Angst, als politisch unzuverlässig ("soft on terror") zu gelten, und der Angst, von staatlichen Stellen ausgespäht zu werden.

Die letzte sei angesichts der Befugnisse, die der Patriot Act den Behörden einräumt, besonders legitim: "Ich begrüße die FBI-Leute, die hier undercover im Saal sind, herzlich", meint Strossen zum Amüsement des Publikums.

"Soft on terror" sei Bush selbst, meint der Journalist Craig Unger, dessen Buch "House of Bush, House of Sauds" Michael Moore teils als Vorlage für "Fahrenheit 9/ 11" gedient hat.

Vor allem habe er es unterlassen, Geldflüsse aus Saudi-Arabien angesichts des Umstandes, dass 15 der 19 9/11-Attentäter Saudis waren, intensiver unter die Lupe zu nehmen.

Unger erinnert daran, dass die Saudis 1,4 Milliarden Dollar in Bush- und Cheney-nahen Firmen und Fonds wie Halliburton oder der Carlyle Group investiert hätten: "Das ist das 20.000fache des Geldes, um das es bei der Whitewater- Affäre von Präsident Clinton ging."

Und wie geht es weiter? ACLU-Präsidentin Strossen gibt sich zuversichtlich: Noch nie in der Geschichte der USA habe es eine so aktive Grassroots- Bewegung gegeben wie jene, die den "Patriot Act" abmildern will.

Die ACLU arbeite mit Leuten aus dem gesamten politischen Spektrum zusammen, nicht nur mit den "üblichen Verdächtigen" wie Bürgerrechts- oder Menschenrechtsgruppen. "Selbst Leute der National Rifle Organisation schließen sich uns in diesem Kampf an."

Die größte Hoffnung legt Strossen aber auf die "Whistleblowers" in der Verwaltung und im Militär, Leute, die die schlimmsten Exzesse im Kampf gegen den Terror publik machen.

"Richard Clarke (ein Experte des Weißen Hauses, der Verfehlungen von Bushs Anti-Terror-Politik ausgeplaudert hat. Red.) ist der bekannteste von ihnen, aber es gibt noch viele, viele mehr". (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2004)

Christoph Winder aus New York

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