Zwischen Bevormundung und Selbstbehauptung

10. September 2004, 21:00
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Konflikt um versuchte Teilentmündigung eines AKH-Patienten durch behandelnde Ärzte

Wien - Am Beginn stand ein "Sachkonflikt" mit einem Arzt, erzählt AKH-Patient Rolph Thiel: "Ich wollte einen HNO-Spezialisten außerhalb des Spitals konsultieren". Zwei Wochen später musste er vor Bezirksrichterin Claudia Chatah Rede und Antwort über seinen psychischen Zustand stehen: Die Ärzte hatten für den Journalisten und NLP-Trainer die Bestellung eines Sachwalters beantragt.

Diesem Entmündigungsversuch hafte der "Beigeschmack der Einschüchterung" an, meint Thiels Rechtsvertreter, Stephan Rudolph: Der Streit um die Rettungsfahrt nämlich war eskaliert: "Ich hatte telefonisch einen Krankenwagen bestellt. Bei der Visite ist mich der behandelnde Arzt angefahren: Was mir da einfalle, er werde mich psychiatrieren lassen", erzählt der Patient.

Sein Mandant führe "einen großen persönlichen Kampf", meint Rudolph. Trotz mehrfacher körperlicher Beeinträchtigungen - der 38-Jährige ist Dialyse pflichtig, halb erblindet und leidet an Osteoporose - ringe er um seine Unabhängigkeit. Für andere Beteiligte sei das "nicht immer leicht", Ärzte in inklusive.

"Nicht transportfähig"

Der von Thiel kritisierte Unfallchirurg kann sich auf STANDARD-Anfrage hin "an ein Streitgespräch nicht erinnern". Vielmehr sei der Patient "nach einem Hüftbruch im Streckverband gelegen" und "nicht transportfähig" gewesen. Das Sachwalter-Ansuchen, auf dem sichtbar der AKH-Stempel prangt, müsse "von anderer Seite" gemacht worden sein. Der Vorstand der Universitätsklinik für Unfallchirurgie, Vilmos Vecsei, will zu der Angelegenheit sachlich nichts sagen.

Ein "Ansuchen auf Bestellung eines Sachwalters" kann von jedem Staatsbürger initiiert werden, erläutert der Psychiater und Sachwalterschaftsgutachter Karl Dantendorfer. Beantragt würden amtliche Vormünder oft von Verwandten alter Menschen mit Demenzerkrankungen. Nach "schweren Eingriffen" - etwa Bypassoperationen - komme es vor, dass geschwächte Patient unbedingt das Spital verlassen wollten. Dann werde Sachwalterschaft ausgesprochen - "für wenige Tage, bis die Symptome vorbei sind".

Beeinträchtigungsideen

Thiel hätte laut Antrag vom 29. Juli in "medizinischen Belangen" bevormundet werden sollen - von einer nur kurzfristigen Maßnahme war nicht die Rede. Ein AKH-Psychiater steuerte einen "Konsiliarbefund" bei: Der Patient leide an einem "organischen Psychosyndrom mit wahnhafter Symptomatik", habe "Beeinträchtigungsideen", wolle "nur mit der Spitalseelsorge reden".

Der Betroffene habe "sein Leben bisher gut meisten können" und sei "zuversichtlich, dies auch in Zukunft zu können", brachte dagegen Rudolph vor. Die Richterin teilte diese Ansicht: Am 6. September stellte sie das Verfahren ein. "Zumindest das Rechtssystem hat sich hier bewährt", kommentiert Rudolph. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 9.9.2004)

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